Zwei Stunden Schulsport täglich - Utopie ?  


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v. 9. Januar 1997

AB AUGUST MACHT'S DIE POELCHAU-OBERSCHULE IN CHARLOTTENBURG MÖGLICH

Zwei Stunden Schulsport täglich - Utopie ?

Vereine, Landestrainer, LSB helfen / 
Materielle Unterstützung durch "Göttinger Gruppe"


VON WOLFGANG JOST

BERLIN. In Bayern gehen die Uhren an­ders. Zumindest schulsportlich. Während im Freistaat gerade die dritte Stunde Schulsport gestrichen worden ist, hat Berlin einen Versuch gestartet, mehr Sport an der Schule zu ermöglichen. Die Poelchau-Oberschule, eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Charlottenburg, startet mit zwei siebten Sportklassen in das neue Schuljahr am 4. August. Laut Rektor Rüdiger Barney werden diese beiden Schulklassen mit Berliner Leistungssportlern und Talenten täglich zwei Stunden Sport haben, ohne daß deshalb der Lehrplan geändert werden müsse. Das Modell sei zudem „kostenneutral", bedürfe also keiner zusätzlichen Stellen, die Stundenzahl bleibe gleich. Notwendiger Förderunterricht werde über Arbeitsgemeinschaften oder Schülergruppen geleistet.
Anders als in den sportbetonten Schulen in Mitte und dem Ostteil (Coubertin-Gymnasium, Flatow-Oberschule, Werner-See­lenbinder-Schule) werden die beiden Sportklassen an der Poelchau-Oberschule, deren 550 Schüler weiter mit 65 Lehrkräften, davon zehn Sportlehrern, auskommen müssen, besondere sportliche Unterstützung durch Verbände, Vereine und den Landessportbund (LSB) bekommen. Soweit möglich, so Rüdiger Barney, „kommen die Vereins- und Verbandstrainer also zu uns". In allen anderen Fälle seien geeignete Anlagen (wie z.B. das Landes-Ruderzentrum am 
Hohenzollernkanal) in der Nähe.


Allerdings wird man zunächst nur vier Sportarten anbieten können - ausgewählt werden soll aus Fußball, Leichtathletik, Basketball, Hockey, Rudern, Radsport, Ringen und Segelfliegen. In vier Jahren sollen dann alle vier Mittelstufenklassen täglich zwei Sportstunden haben. 
Danach wird im Modell-Versuch, der laut LSB-Vizepräsident Dietrich Gerber „kein Ersatz" für eine noch zu schaffende sportbetonte Schule im Berliner Westen sein soll, Bilanz gezogen.
Großes Interesse und entsprechende Unterstützung zugesagt haben von Vereins­ bzw. Wirtschaftsseite der Regionalligist Tennis Borussia mit seinem Sponsor, der Göttinger Gruppe. 
TeBe-Präsident und Vorstands-Mitglied Kuno Konrad: „Wenn die Wirtschaft sich mit Sportstars schmücken will, dann soll sie auch dort etwas tun, wo sie gemacht werden." Laut Konrad wird sich die „materielle Unterstützung" (Rektor Barney) durch seinen Finanzkonzern nicht nur auf den Sektor Fußball beschränken.
Genehmigt werden soll das erst vergangenen Oktober angedachte und danach von 75 Prozent des Kollegiums gutgeheißene Schulprojekt noch im Februar. Volker Marquardt von der Außenstelle des Landesschulamtes, der das Vorhaben bereits geprüft hat, signalisierte bei der Vorstellung im „Haus des Sports" gestern bereits Zustimmung. „Vielleicht", so hofft Rektor Rüdiger Barney, „haben wir in zehn Jahren ja sogar zehn Sportklassen." Ob Bayern dann über die letzte Sportstunde diskutiert?

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