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Das Klagelied wird meist mit der Zeile angestimmt, es gebe keine
Straßenfußballer mehr in Deutschland. Franz Beckenbauer singt es, Karl-Heinz
Rummenigge und auch Jürgen Klinsmann trällern mit. Die Jugend verfette vor dem
Computer, meide den Bolzplatz und kappe dadurch die Verbindung zu Kreativität
und Fummelfußball, heißt es im Refrain. Die Altmeister besingen eine Zeit, in
der sie nach der Schule stundenlang gegen das Leder traten und erst nach Hause
schlurften, wenn die Knie wund und die Sohlen durchgescheuert waren. In ihre
Erinnerung mischt sich viel Wehmut und die Erkenntnis, früher sei alles besser
gewesen. Tatsächlich tritt die Spezies des Straßenfußballers immer weniger in
Erscheinung. Auch die verschiedenen Streetsoccer-Turniere, die wie Pilze aus dem
Boden schießen und die von jungen Kickern geradezu gestürmt werden, bringen
den Straßenfußballer nicht zurück.
Die von Nike, Adidas oder dem Supermarkt Real auf einem Kleinfeld
organisierten Wettkämpfe, bei denen sich je drei Spieler miteinander balgen,
pflegen den Mythos, große Spieler hervorgebracht zu haben und für Talentspäher
Überraschungen zu bieten. Doch das Niveau der Turniere ist mäßig. Heimliche
Genies gibt es nicht zu entdecken, erst in den Finalrunden sind trickreiche
Spiele zu sehen. Product-Placement und Brand-Awareness, wie es die
Marketingstrategen vorgeben, bestimmen vielmehr die Szene. Ewig lange müssen
die Kids ausharren, um dann, wie etwa beim Nike-Skorpion-Cup, drei Minuten
spielen zu dürfen. |
solchen Streetsoccer-Events gar nicht teilnehmen, weil es entweder verboten
wird - die Verletzungsgefahr zu groß ist - oder sie keine Zeit haben."
Einige Poelchau-Schüler waren freilich nicht davon abzuhalten, in den Bolzkäfigen
die Konkurrenz alt aussehen zu lassen. Der Spaßkick wird aber nur geduldet,
wenn er sich nicht mit wichtigen Vereins- und Schulspielen überschneidet.
Der Terminkalender der Nachwuchsfußballer ist prallvoll.
"Unsere B-Jugend war am Ende der Saison so überspielt, dass sie gar keine
Kreativität mehr entfalten konnte", erinnert sich Bandit. Neben den 40
Saisonspielen galt es 22 Mal im Nord-Cup anzutreten, wo sich etwa Werder Bremen
mit Tennis Borussia duellierte. Dazu kommen Spiele beim VW-Cup, "unserem
Hauptsponsor", und Sichtungslehrgänge des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
"Manchmal haben die Kleinen drei Spiele in fünf Tagen, welcher
Bundesligaspieler will sich das antun?", fragt Bandit. Man müsse
reduzieren, schlägt er vor. Aber wie? Der Stress beginnt früh. Schon in der
D-Jugend wird gesiebt, gesichtet und geschult. Der DFB hat sich im vergangenen
Jahr an die ganz Jungen herangemacht, in Reaktion auf das schlechte Abschneiden
bei der letzten Europameisterschaft.
Acht DFB-Stützpunkte gibt es in Berlin - für 12-Jährige. "Wünschenswert
wäre, wenn wir sogar noch weiter hinuntergehen", sagt
DFB-Jugendkoordinator Michael Skibbe. Zehn Millionen Euro verschlingt das
Programm, "doch das ist es wert, denn Straßenfußball gibt es ja in
Deutschland kaum noch", meint Skibbe und liefert damit den Straßenfußball,
der, wenn überhaupt, nur noch im Alter zwischen 10 und 14 eine Chance hat, an
die Vereine aus.
In den Händen der Klubs geht die Lust auf Spielchen wie Einmal-Berühren
oder 16-Raus spürbar verloren. "Nur die Fanatischen ziehen alles
durch", sagt Bandit. Jürgen Klinsmann hat errechnet: "Früher hat der
organisierte Vereinsfußball nur zwanzig Prozent ausgemacht, heute sind es
hundert." Er will dem Nachwuchs mit der Wiederbelebung des Freizeitfußballs
den Spaß zurückgeben. Aber wie soll das gehen ohne Mehrbelastung? Und überhaupt:
Mit dem unorganisierten Straßenfußball just for fun von einst haben all die
durchkalkulierten Streetsoccer-Turniere wenig bis gar nichts zu tun - außer
dass sie tatsächlich auf der Straße stattfinden.
Den Blicken des DFB soll möglichst kein Talent entgehen. Für die
Kinder heißt das: Immer früher müssen sie sich den Vorgaben der Trainer fügen.
Ein Entrinnen in die Lustzone Freiplatz ist nach der Entdeckung ihrer Begabung
kaum mehr drin. Der Nachwuchs reibt sich auf zwischen Sichtungen, Pflichtspielen
und Stützpunkttrainings. Der Verein verschlingt den Straßenfußball. Das
Klagelied vom aussterbenden Bolzer darf also weiter gesungen werden. Der DFB hält
unfreiwillig den Taktstock.
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"Bei solchen Events ist keiner dabei, auf dem man aufbauen könnte,
und wenn doch, sind es Jungs, die man eh schon kennt", sagt André Bandit.
Der 25-Jährige ist Jugendtrainer bei Tennis Borussia Berlin (TeBe), wo
traditionell gute Nachwuchsarbeit geleistet wird. Dazu trainiert er Mannschaften
der Poelchau-Oberschule, eine Eliteschule des Sports, die sich auf Fußball
konzentriert hat. Die Gesamtschule arbeitet mit Hertha BSC und TeBe zusammen.
"Wir haben die Elite Berlins bei uns", sagt Bandit. Teams der
Poelchau-Schule gewinnen regelmäßig Berliner Meis"Die Trickserei hat für Kids einen hohen Stellenwert",
weiß Bandit, "aber die, die leistungsorientiert Fußball spielen, können
bei |