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An
der Poelchau-Oberschule heißt es: Schule und Fußball
"Marco macht in der Klasse einen freundlichen und
ausgeglichenen Eindruck. Durch häufiges Training in seinem Fußballverein
fehlt ihm manchmal die Zeit, ausreichend zu lernen. Bei mehr
Fleiß könnte er seine schulischen Leistungen weiter
steigern."
Diese
verbale Einschätzung der schulischen Perspektiven im Zeugnis
eines Jungen der 6. Klasse lassen Eltern schon ins Grübeln
kommen. Natürlich möchten verantwortungsbewußte Mütter und Väter,
daß ihr Kind einen seinen Möglichkeiten entsprechenden
Schulabschluß anstrebt. Auf der anderen Seite aber will man dem
Sprößling seine große Leidenschaft - den Fußball - nicht
nehmen, zumal dann, wenn er über ein überdurchschnittliches
Talent verfügt.
Schulische
Ausbildung und sportliches Training unter einen Hut zu bringen,
ist eine Aufgabe, die auch den Verantwortlichen bei Deutschlands
renommiertestem Fußballverein - dem FC Bayern München -
Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Heiner Schumann, Leiter der
Jugendabteilung des Münchner Nobelklubs meint dazu, "die
Trainer haben laufend Probleme, daß schulisch überbelastete
Jungs für den Sport ausfallen oder im umgekehrten Fall, in
ihren schulischen Leistungen nachlassen."
Ein (!) Weg aus dem aufgezeigten Dilemma gelang durch die
Einrichtung "Sportbetonter Oberschulen" an den
ehemaligen Kinder- und Jugendsportschulen im Osten unserer
Republik. "Hier sollen Schule und Sport optimal miteinander
verbunden werden, ohne daß Abstriche bei der schulischen
Ausbildung gemacht werden", so Lutz Rösner,
Schulleiter der sportbetonten Guts-Muths-Schule in
Jena. An 14 dieser einstigen DDR-Talentschmieden hat der
Deutsche Fußball-Bund 1997 ein Projekt ins Leben gerufen, in
dem insgesamt 1200 talentierte Kinder und Jugendliche fußballspezifisch
gefördert werden. Die fußballorientierte
Ausbildung an der Schule
wird somit neben dem Training auf Vereins- und Verbandsebene zur
dritten Säule der Talentförderung innerhalb des DFB.
Das
Training in der Schule als dritte Säule der Nachwuchsförderung
hat ihre Berechtigung vor allem auch vor dem Hintergrund der veränderten
Freizeitgestaltung und Spielumwelt von Kindern
und Jugendlichen im Vergleich zu Zeiten, in denen der Autor
dieser |
Zeilen
(Jahrgang 1956) dem runden Leder hinterherjagte. Mit der damals
vor allem in den Städten verbreiteten Fußballspielkultur der
Kinder kann, was das Fußballspielen-Lernen betrifft nicht mehr
gerechnet werden.
Die
Förderung von fußballerischem Talent und Spielwitz durch den
Straßenfußball ist nicht mehr gegeben. Die Institution Schule
kann den erforderlichen Raum bieten, die in den vergangenen
Jahrzehnten entstandene Lern‑Lücke zumindest teilweise zu
schließen.
So lobenswert die Initiative des DFB in den ehemaligen Kinder-
und Jugendsportschulen auch ist, sie kann nur eine von vielen Möglichkeiten
sein, wenn man die Talentförderung in Deutschland über die
Schule auf eine breite Basis stellen will.
Sehen wir uns nur die Situation in Berlin an. Der DFB-Initiative
gehören hier die Flatow-Oberschule in Köpenick und die Werner-Seelenbinder-Oberschule
in Hohenschönhausen an. Nach dem vom Leiter des Projekts - dem
ehemaligen Dresdner Bundesliga-Coach Klaus Sammer - formulierten
Anspruch, sollen die Trainer die talentiertesten Fußballer der
jeweiligen Region an den sportbetonten Schulen konzentrieren und
ergänzend zum Vereinstraining ausbilden. Es liegt auf der Hand,
daß diesem Anspruch in einer Stadt wie der unseren mit nur zwei
derartigen Schulen, nicht ausreichend Rechnung getragen werden
kann.
Einen
Weg in die richtige Richtung haben seit dem Schuljahr 1997/98
die Poelchau-Oberschule in Charlottenburg und Tennis Borussia
eingeschlagen. Als erste Oberschule im Westteil unserer Stadt
bietet die Poelchau‑Oberschule interessierten und
talentierten Schülern im Rahmen des "Wahlpflichtfachs Fußball"
die Möglichkeit, das individuelle Fußballkönnen unter der
Anleitung lizenzierter Trainer systematisch zu verbessern.
Doch
nicht auf die sportliche Entwicklung allein lenken Schulleitung
und Lehrerkollegium der Schule das Augenmerk. "Wir wollen,
daß unsere Schüler Erfolge im kognitiven und sozialen Bereich
haben, um optimal vorbereitet in das Berufsleben oder in die
weitere Schulkarriere zu starten", so der selbstformulierte
Anspruch der Schule.
Schule
und Sport werden an der Poelchau-Oberschule gleichberechtigt
miteinander verbunden, die besonderen Bedürfnisse der jungen
Sportler werden berücksichtigt. Die Trainingsstunden werden in
den morgendlichen Stundenplan integriert, so daß ein |
genügender
zeitlicher Abstand zum abendlichen Training im Verein besteht.
Der Stundenplan ist so gestaltet, daß genügend Zeit bleibt, um
Hausaufgaben anzufertigen, sich auf Klassenarbeiten
vorzubereiten oder einfach um sich auszuruhen.
Hausaufgabenbetreuung, zusätzlicher Förderunterricht gehören
zum Standardangebot der Schule. Doch der Erfolg fällt auch bei
schulischen Leistungen nicht vom Himmel. So wird nach längerer
Abwesenheit durch Trainings- oder Wettkampfreisen durchaus
verlangt, den versäumten Stoff samstags nachzuholen.
Die Zusammenarbeit von Tennis Borussia und der Poelchau-Oberschule
wäre ohne das finanzielle Engagement der Wirtschaft nicht
denkbar. Die Göttinger Gruppe, gleichzeitig Sponsor von Tennis
Borussia, hat die materielle Absicherung des Projekts übernommen.
Dazu Kuno Konrad, Vorstandsvorsitzender von Tennis Borussia und
Mitarbeiter der Göttinger Gruppe: "Die Wirtschaft und die
Werbebranche bedienen sich immer häufiger der Idole im Sport.
Aber wie die Sportler einmal dorthin kommen interessiert
niemanden. Tennis Borussia und die Göttinger Gruppe wollten
sich hier engagieren und sind initiativ geworden. Gemeinsam mit
der Poelchau-Oberschule tragen wir dazu bei, die vorhandenen
Ressourcen optimal zu nutzen und so ein in Deutschland bislang
einmaliges Modell der Talentförderung vereinsübergreifend zu
realisieren."
Wie
groß der Bedarf nach einer Schule wie der Poelchau-Oberschule
ist, zeigt die große Nachfrage von interessierten Eltern und
ihren Kindern. So haben sich für das Schuljahr 1999/2000 cirka
120 Jungen für die 18 zur Verfügung stehenden Plätze
beworben. Ab dem kommenden Schuljahr trainieren und lernen dann
54 Schüler der Klassenstufen 7, 8 und 9 in den Fußballklassen
der Poelchau-Oberschule. Die dann geförderten Nachwuchskicker
gehören 15 verschiedenen Berliner Vereinen an.
Die
Poelchau-Oberschule hat die optimale Verbindung von schulischem
Lernen und sportlichem Training geschafft. Für Eltern wie die
von Marco (s. oben) wird hier ein Weg aufgezeigt, wie das
sportliche Talent ihres Sohnes gefördert werden kann, ohne daß
die Schulkarriere des Sohnes darunter leidet.
Markus
Schatte |