Schule oder Fußball ???

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Schule oder Fußball -
Fußball oder Schule ???

von Markus Schatte

Lehrer (Sport/Geschichte) 
und Fußballtrainer an unserer Schule

An der Poelchau-Oberschule heißt es: Schule und Fußball
"Marco macht in der Klasse einen freundlichen und ausgeglichenen Eindruck. Durch häufiges Training in seinem Fußballverein fehlt ihm manchmal die Zeit, ausreichend zu lernen. Bei mehr Fleiß könnte er seine schulischen Leistungen weiter steigern."
Diese verbale Einschätzung der schulischen Perspektiven im Zeugnis eines Jungen der 6. Klasse lassen Eltern schon ins Grübeln kommen. Natürlich möchten verantwortungsbewußte Mütter und Väter, daß ihr Kind einen seinen Möglichkeiten entsprechenden Schulabschluß anstrebt. Auf der anderen Seite aber will man dem Sprößling seine große Leidenschaft - den Fußball - nicht nehmen, zumal dann, wenn er über ein überdurchschnittliches Talent verfügt.

Schulische Ausbildung und sportliches Training unter einen Hut zu bringen, ist eine Aufgabe, die auch den Verantwortlichen bei Deutschlands renommiertestem Fußballverein - dem FC Bayern München - Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Heiner Schumann, Leiter der Jugendabteilung des Münchner Nobelklubs meint dazu, "die Trainer haben laufend Probleme, daß schulisch überbelastete Jungs für den Sport ausfallen oder im umgekehrten Fall, in ihren schulischen Leistungen nachlassen."
Ein (!) Weg aus dem aufgezeigten Dilemma gelang durch die Einrichtung "Sportbetonter Oberschulen" an den ehemaligen Kinder- und Jugendsportschulen im Osten unserer Republik. "Hier sollen Schule und Sport optimal miteinander verbunden werden, ohne daß Abstriche bei der schulischen  Ausbildung gemacht werden", so Lutz Rösner, Schulleiter der sportbetonten Guts-Muths-Schule
in Jena. An 14 dieser einstigen DDR-Talentschmieden hat der Deutsche Fußball-Bund 1997 ein Projekt ins Leben gerufen, in dem insgesamt 1200 talentierte Kinder und Jugendliche fußballspezifisch gefördert werden. Die fußballorientierte Ausbildung an der Schule wird somit neben dem Training auf Vereins- und Verbandsebene zur dritten Säule der Talentförderung innerhalb des DFB.
Das Training in der Schule als dritte Säule der Nachwuchsförderung hat ihre Berechtigung vor allem auch vor dem Hintergrund der veränderten Freizeitgestaltung und Spielumwelt von
Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Zeiten, in denen der Autor dieser

Zeilen (Jahrgang 1956) dem runden Leder hinterherjagte. Mit der damals vor allem in den Städten verbreiteten Fußballspielkultur der Kinder kann, was das Fußballspielen-Lernen betrifft nicht mehr gerechnet werden.

Die Förderung von fußballerischem Talent und Spielwitz durch den Straßenfußball ist nicht mehr gegeben. Die Institution Schule kann den erforderlichen Raum bieten, die in den vergangenen Jahrzehnten entstandene Lern‑Lücke zumindest teilweise zu schließen.
So lobenswert die Initiative des DFB in den ehemaligen Kinder- und Jugendsportschulen auch ist, sie kann nur eine von vielen Möglichkeiten sein, wenn man die Talentförderung in Deutschland über die Schule auf eine breite Basis stellen will.
Sehen wir uns nur die Situation in Berlin an. Der DFB-Initiative gehören hier die Flatow-Oberschule in Köpenick und die Werner-Seelenbinder-Oberschule in Hohenschönhausen an. Nach dem vom Leiter des Projekts - dem ehemaligen Dresdner Bundesliga-Coach Klaus Sammer - formulierten Anspruch, sollen die Trainer die talentiertesten Fußballer der jeweiligen Region an den sportbetonten Schulen konzentrieren und ergänzend zum Vereinstraining ausbilden. Es liegt auf der Hand, daß diesem Anspruch in einer Stadt wie der unseren mit nur zwei derartigen Schulen, nicht ausreichend Rechnung getragen werden kann.
Einen Weg in die richtige Richtung haben seit dem Schuljahr 1997/98 die Poelchau-Oberschule in Charlottenburg und Tennis Borussia eingeschlagen. Als erste Oberschule im Westteil unserer Stadt bietet die Poelchau‑Oberschule interessierten und talentierten Schülern im Rahmen des "Wahlpflichtfachs Fußball" die Möglichkeit, das individuelle Fußballkönnen unter der Anleitung lizenzierter Trainer systematisch zu verbessern.
Doch nicht auf die sportliche Entwicklung allein lenken Schulleitung und Lehrerkollegium der Schule das Augenmerk. "Wir wollen, daß unsere Schüler Erfolge im kognitiven und sozialen Bereich haben, um optimal vorbereitet in das Berufsleben oder in die weitere Schulkarriere zu starten", so der selbstformulierte Anspruch der Schule.
Schule und Sport werden an der Poelchau-Oberschule gleichberechtigt miteinander verbunden, die besonderen Bedürfnisse der jungen Sportler werden berücksichtigt. Die Trainingsstunden werden in den morgendlichen Stundenplan integriert, so daß ein

genügender zeitlicher Abstand zum abendlichen Training im Verein besteht. Der Stundenplan ist so gestaltet, daß genügend Zeit bleibt, um Hausaufgaben anzufertigen, sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten oder einfach um sich auszuruhen. Hausaufgabenbetreuung, zusätzlicher Förderunterricht gehören zum Standardangebot der Schule. Doch der Erfolg fällt auch bei schulischen Leistungen nicht vom Himmel. So wird nach längerer Abwesenheit durch Trainings- oder Wettkampfreisen durchaus verlangt, den versäumten Stoff samstags nachzuholen. Die Zusammenarbeit von Tennis Borussia und der Poelchau-Oberschule wäre ohne das finanzielle Engagement der Wirtschaft nicht denkbar. Die Göttinger Gruppe, gleichzeitig Sponsor von Tennis Borussia, hat die materielle Absicherung des Projekts übernommen. Dazu Kuno Konrad, Vorstandsvorsitzender von Tennis Borussia und Mitarbeiter der Göttinger Gruppe: "Die Wirtschaft und die Werbebranche bedienen sich immer häufiger der Idole im Sport. Aber wie die Sportler einmal dorthin kommen interessiert niemanden. Tennis Borussia und die Göttinger Gruppe wollten sich hier engagieren und sind initiativ geworden. Gemeinsam mit der Poelchau-Oberschule tragen wir dazu bei, die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen und so ein in Deutschland bislang einmaliges Modell der Talentförderung vereinsübergreifend zu realisieren."

Wie groß der Bedarf nach einer Schule wie der Poelchau-Oberschule ist, zeigt die große Nachfrage von interessierten Eltern und ihren Kindern. So haben sich für das Schuljahr 1999/2000 cirka 120 Jungen für die 18 zur Verfügung stehenden Plätze beworben. Ab dem kommenden Schuljahr trainieren und lernen dann 54 Schüler der Klassenstufen 7, 8 und 9 in den Fußballklassen der Poelchau-Oberschule. Die dann geförderten Nachwuchskicker gehören 15 verschiedenen Berliner Vereinen an.

Die Poelchau-Oberschule hat die optimale Verbindung von schulischem Lernen und sportlichem Training geschafft. Für Eltern wie die von Marco (s. oben) wird hier ein Weg aufgezeigt, wie das sportliche Talent ihres Sohnes gefördert werden kann, ohne daß die Schulkarriere des Sohnes darunter leidet.

Markus Schatte

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