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Olympianachwuchs VON ANDREAS MÜLLER |
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Die ganze Bundesrepublik sonnte sich im vergangenen Sommer im Glanz des ersten Deutschen, der die Tour de France gewinnen konnte. Die Sympathien sind Jan Ullrich auch in diesem Jahr von Cottbus bis Köln sicher. Kunststück. Der Siegertyp stammt aus Rostock, wurde sportlich in Berlin groß, trat |
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später für die Renngemeinschaft Hamburg in die Pedale, lebt heute im Schwarzwald und fährt für einen Hauptsponsor, dessen Zentrale in Bonn thront. Der erfolgreiche nette junge Mann kann und muß einfach gesamtdeutsch gefeiert werden. |
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Ähnliche Begeisterung wünscht sich Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, für jenes Fundament, auf das sich Jan Ullrichs phänomenaler Aufstieg gründete. Die Kinder- und Jugend‑Sportschulen (KJS) ostdeutscher Prägung sollten der Bundesrepublik - ohne ideologische Verbildung der Athleten freilich erhalten bleiben wie der grüne Pfeil an der Ampel, wünscht der erste Mann des deutschen Sports. Bei der Verabschiedung der Berliner Nagano-Fahrer hat von Richthofen diese Meinung gerade wieder bekräftigt und der Schulpolitik markant ins Stammbuch geschrieben: Damit deutsche Mannschaften bei künftigen Olympischen Spielen weiterhin würdig ihr Land vertreten, bedarf es dir sportbezogenen Schulen unbedingt. „Es gibt nichts Besseres als diese Einrichtungen. Sie zu sichern und auszubauen, ist eine wichtige Voraussetzung, damit wir international Anschluß halten können. Vielleicht sogar die wichtigste.“ In der Praxis jedoch ist es schwierig, den Worten Taten folgen zu lassen. Das bekommt von Richthofen, der zugleich dem Landessportbund Berlin als Präsident vorsteht, schon vor der eigenen Haustür zu spüren. Bis heute ist es nicht gelungen, im Westteil der Hauptstadt eine Schule nach KJS-Muster zu eröffnen. |
Talentefindung als Nebeneffekt Glücklich schaut deshalb auch Rüdiger Barney von der Poelchau-Gesarntschule in Berlin-Charlottenburg nicht drein. Dabei initiierte der Direktor zu Beginn des laufenden Schuljahres ein sportliches Projekt, wie es in ganz Berlin kein zweites Mal zu finden ist. Insgesamt 94 Schülern aus drei siebenten Klassen wurde die Chance eingeräumt, vormittags zwei Stunden zu trainieren. Täglich. Zehn Stunden in der Woche. Die Hockey-Mädchen werden in dieser Zeit per Shuttle zu einem Sportzentrum chauffiert, die jungen Leichtathleten schwärmen zu einer nahegelegenen Sporthalle aus, die Fußballer trimmen sich auf dem schuleigenen Kunstrasenplatz. „Sportbetonte Schule im wahrsten Sinne des Wortes“ nennt Barney, was in Kooperation mit Berliner Vereinen und deren Trainern ins Leben gerufen wurde. Schüler für den Sport begeistern, sei das erste Anliegen der schulischen Initiative. Talente für die olympische Arena zu finden und zu fördern, sei ein schöner Nebeneffekt. „Man muß einfach Mut haben und rangehen an die Vereine. Dann ist etwas zu erreichen. Beispielsweise haben wir einen Schwimmtrainer gefunden, der unser Modell so großartig fand, daß er |
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unsere Sportler zunächst kostenlos betreute. Inzwischen bekommt er ein paar Mark vom Bezirksamt Charlottenburg. Das half uns übrigens, wo es konnte.“ Von der Berliner Senatsverwaltung erhoffte man sich ähnliches. „Wir brauchen mehr Vertrauen, mehr Freiheit und Eigenständigkeit“, wünscht sich der 49jährige Direktor fürs Erste. Er formuliert all das sehr vorsichtig; denn die Sport-Senatorin Ingrid Stahmer (SPD) sitzt beim Erfahrungsaustausch zum Thema „Berliner Sportschulen“ nur drei Meter von ihm entfernt.
Kühne Visionen Und schon gar nicht verkündet Barney einen seiner kühnsten Träume. Jene Vision, irgendwann einmal jenen Status zu haben, wie ihn die Nachfolger der Kinder- und Jugendsportschulen in den östlichen Stadtbezirken schon besitzen: die Werner-Seelenbinder Schule in Hohenschönhausen, die Flatow-Oberschule in Köpenick und das Coubertin-Gymnasiurn im Prenzlauer Berg. An diesen „richtigen Sportschulen“ mit angegliederten Internaten treten derzeit 2982 Mädchen und Jungen in die Fußstapfen berühmter Vorgänger wie Franziska van Almsick, Andreas Wecker oder eben Jan Ullrich. „In dieselbe Richtung werden wir uns zwangsläufig entwickeln müssen, wenn die Nachfrage noch größer wird“, ist sich Barney sicher. Der Erfolg scheint ihm bisher recht zu geben: Gleich im ersten Jahr gab es an seiner Gesamtschule für die 94 Plätze in den Sportklassen 250 Bewerber. |
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Nüchterne Realitäten Senatorin Ingrid Stahmer findet das Poelchau-Beispiel ideal. Weil es für das Land so schön kostenneutral ist. Zudem sei es wichtig, einen Magneten im Westen zu wissen, weil, wie Barney berichtet, „Eltern aus dem Westteil Berlins ihre Kinder noch immer nicht so sehr gerne an die drei Ostberliner Sportschulen geben". Zählebige Ressentiments im Jahr acht der deutschen Einheit ... Dem Charlottenburger Projekt ad hoc den Zuschlag für eine vierte Sportschule in der Hauptstadt zu geben, wie sie von der Senatsverwaltung für den Westteil der Stadt schon lange angekündigt ist, davor allerdings scheut die verantwortliche Politikerin zurück. An zwei anderen Schulen ist der Versuch unternommen worden, sie nach dem Vorbild des Trios im Osten auszurichten. Doch Kollegien und Eltern hatten sich |
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gesperrt. Der Versuch ward abgeblasen. Anders dagegen an der Poelchau-Schule. Dort könnte das Versprechen eingelöst werden. Die Voraussetzungen dafür seien bestens, läßt Direktor Barney durchblicken. Aber: „Dort ein Internat bauen? Unmöglich :angesichts unsere Haushaltslage“, entgegnet die Senatorin und verweist auf Schwierigkeiten, die Sportschulen im Osten überlebensfähig zu halten. Wegen der saftig gekletterten Internatspreise - die Eltern müssen mittlerweile 500 Mark im Monat für ihre Schützlinge zahlen - habe es dort 30 Prozent Abmeldungen gegeben. „Pro Sportart haben wir höchstens einen qualifizierten Lehrer, wo wir doch zwei brauchten. Beim Fechten, Bogenschießen und Boxen haben wir überhaupt keinen speziell qualifizierten Lehrer“, klagt Direktor Dr. Gerd Neumes beispielsweise über Personalmangel in der Werner-Seelenbinder-Schule. Schon heute müssen die kleinen Sportler dort für ein Mittagessen sechs DM berappen. Dank der Berliner Bankgesellschaft, die für die drei Sportschulen insgesamt 180 000 Mark bereitstellte, konnte bislang immerhin das Schlimmste verhindert werden. Doch mit der leidigen Finanzierungsfrage scheint die Nummer Vier, die erste KJS im Westteil der Stadt, auf ewig in der Versenkung verschwunden. Rüdiger Barney muß resigniert feststellen: „Politisch ist das wohl vom Land gar nicht gewollt.“ |
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Coubertin-Gymnasium Werner-Seelenbinder-Oberschule Flatow-Oberschule Poelchau-Oberschule
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