|
VON
EMANUEL HEISENBERG
BERLIN.
Bekanntlich
soll man nicht für die Schule lernen, sondern für das Leben. Bei der
Tortur mit Logarithmen und Konjunktiv Perfekt wird das oft vergessen.
Schule wird von manchen Schülern als notwendiges Übel betrachtet. In
den drei Berliner sportbetonten Gymnasien, entstanden aus den vier
Kinder und Jugendschulen (KJS) der ehemaligen DDR, jedoch sieht das
anders aus. Von den etwa 3000 Schülern der drei Schulen sind mehr als
zwei Drittel Leistungssportler. Sie pauken für die Schule, trainieren für
den sportlichen Erfolg und versuchen dabei auch noch für das Leben zu
lernen.
Das Konzept der Sportgymnasien basiert auf DDR-Erfahrungen, ist aber
entideologisiert worden und garantiert qualifizierte Ausbildung
sportlicher Talente. Aus dem Coubertin-Gymnasium im Bezirk Prenzlauer
Berg, der Flatow-Oberschule in Köpenick und der Werner-Seelenbinder-Schule
in Hohenschönhausen sind prominente Sportler hervorgegangen: Franziska
van Almsick, Erik Zabel und Andreas Wecker beispielsweise, alle drei
werbeträchtige Sympathieträger im vereinten Deutschland.
Doch von den einstigen „Kaderschmieden des DDR-Sports" war es ein
langer Weg bis zum heutigen Vorzeige-Modell der Bundesregierung. Das
System der Schulen vor 1991, „muß im Gesamtzusammenhang der DDR
gesehen werden", erläutert der Direktor der Werner-Seelenbinder-Schule,
Gerd Neumes. „Es ging um die außenpolitische Reputation der DDR, die
durch Weltrekorde aufgebessert werden sollte", so der Direktor.
Geprägt durch den Slogan „Diplomaten im Trainingsanzug", hatten
die KJS-Nachfolger im Westen anfangs das ideologisch zweifelhafte Image
vergangener Tage. Deswegen galt es, nach der Übergangszeit zwischen
1989 und 1991 erst einmal „eine ganz normale Schule" zu werden.
Dazu mußte umstrukturiert werden, ohne Personal entlassen zu müssen.
Das gelang.
Heute wird nicht mehr wegen fehlender sportlicher Leistung ausgesiebt:
Ein Schüler darf auch einmal eine Motivations- oder Erfolgsflaute
haben, ohne gleich die Schule verlassen zu müssen; auch das eine wichtige
Verbesserung. Doch eine solche Schule kann natürlich nicht „ganz
normal" sein: In der Pause tauchen plötzlich Doping-Kontrolleure
auf, die dann schnell ein paar Proben nehmen, oder Superstar Franziska
van Almsick schaut mal vorbei, was in anderen Schulen ja auch nicht
gerade auf der Tagesordnung steht.
|

|
Schuljahr
ein sportbetonter Zug eingerichtet. Nachdem eine vierte Sportschule an der
Finanzierung scheiterte, wurde das kostenneutrale „Poelchau-Modell"
erdacht.
Sportsenatorin
Ingrid Stahmer begrüßt das Projekt, besonders, weil es ihren überstrapazierten
Sportetat schont: „Die Poelchau-Schule ist auf dem besten Wege sich
neben den KJS-Nachfolgern zu etablieren", sagt die Senatorin. Doch
„muß eine Sportschule erst wachsen", gibt sie zu bedenken.
In den sechs Sportarten besteht eine gut funktionierende Symbiose zwischen
Schule und Verein. Den Fußball-Begeisterten hat sich beispielsweise
Tennis Borussia angenommen. Jeden Morgen werden die 18 Schüler mit
Vereinsbussen abgeholt und zum Trainingsplatz gebracht. Nach dem Training
erscheinen die Schüler dann frisch geduscht und bester Laune um 10 Uhr in
der Schule. „Die Verbindung schulische und sportliche Motivation ist
nicht zu leugnen", erläutert Schulleiter Rüdiger Barney die Vorzüge
seines Schultyps. „Die Schüler scheinen ausgeglichener als in anderen
Schulen zu sein. Wir brauchen hier zum Beispiel kein Anti-Gewalt-Programm:
Lunte gerochen haben auch die Capitals. Der Eishockey-Club plant nun ein
Engagement an der Poelchau-Schule. „Wir stehen in den Startblöcken. Es
ist ein guter Weg unseren Sport breiter zu machen", meint der
schwedische Nachwuchstrainer der Capitals, Morgan Svensson. „Mit dem
Extra-Training im technischen und athletischen Bereich können wir ein
Talent vielleicht mal auf DEL-Niveau bringen."
Die Unterstützung der potenten Vereine wird dringend benötigt, schließlich
erhält die Poelchau-Schule im Gegensatz zu den Sportschulen im Ostteil für
die zusätzlichen Ausgaben im Bereich Sport keine Zuschüsse aus dem
Sportetat des Senats. Deswegen muß noch ein Sponsor gefunden werden, der
die Schule unterstützt. Die drei etablierten Sportgymnasien haben bereits
Sponsoren gefunden: Drei Berliner Banken geben jährlich insgesamt 176 000
Mark für die Talentschmieden aus.
Nun möchte die Poelchau-Schule möglichst schnell den sportlichen Standard
erreichen, auf dem sich die drei anderen Sportschulen nach wie vor
befinden. Das wird kaum zu schaffen sein, schließlich verfügt man nicht
über die nahezu perfekte Infrastruktur und die jahrzehntelange Erfahrung
wie im Ostteil. Doch was für die geplagten Schüler gilt, muß natürlich
auch für die Lehrer und Verantwortlichen gelten: Keine Sorge, immer fürs
Leben lernen.
|
|
Die
derzeit prominenteste Sportlerin der Werner-Seelenbinder-Schule ist
Cathleen Rund. Mit 19 Jahren hat die Schwimmerin schon eine erstaunliche
Erfolgsbilanz aufzuweisen: Sie ist Europameisterin und gewann in Atlanta
die Bronzemedaille. Um international so weit oben stehen zu können,
muß das Umfeld stimmen.
„Eigentlich habe ich keine Nachteile, weil ich noch zur Schule
gehe", sagt sie. „Auch international kann ich konstante
Leistungen bringen." Dafür trainiert sie täglich fünf Stunden,
zwei Stunden davon schon vor der Schule. Doch jetzt kollidieren Abitur
und die Weltmeisterschaften in Perth. Deshalb ist sie „sehr froh, daß
die Schule mir einen späteren Termin für die Abiturprüfungen gegeben
hat.
Außerdem organisierte man für sie im Dezember einen dreiwöchigen
Sonderunterricht; es wird eben alles für die Verquickung von
schulischen Leistungen und sportlichem Erfolg getan. Trotz der
Sonderstellung der jungen Sportstars würde sie ihre Schule nicht als
Kaderschmiede bezeichnen. „Meine Schule ist nur kooperativer als
andere Schulen", meint sie. „Man will sportbegeisterten Schülern
ermöglichen, weiterhin Spitzenleistungen bringen zu können."
Direktor Neumes sieht das ähnlich: „Die Eltern schicken ihre Kinder
nicht auf unsere Schule, weil sie eine Kaderschmiede des Sports ist,
sondern weil sie eine gute Schule ist".
Im Gegensatz zu den sportbetonten Gymnasien soll ein neues
Projekt im Westteil der Stadt nicht nur den Leistungssport fördern,
sondern auch Breitensport auf hohem Niveau ermöglichen. In der Poelchau-Schule
im Bezirk Charlottenburg wurde im neuen |