Lernen fürs Leben und trainieren für den Erfolg  


vom 4. Januar 1998

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Lernen fürs Leben und trainieren für den Erfolg

Die positiven Erfahrungen mit Sportgymnasien haben nun auch Fußballer und Eishockeyspieler in Berlin aktiv werden lassen

 

VON EMANUEL HEISENBERG

BERLIN. Bekanntlich soll man nicht für die Schule lernen, sondern für das Leben. Bei der Tortur mit Logarithmen und Konjunktiv Perfekt wird das oft vergessen. Schule wird von manchen Schülern als notwendiges Übel betrachtet. In den drei Berliner sportbetonten Gymnasien, entstanden aus den vier Kinder­ und Jugendschulen (KJS) der ehemaligen DDR, jedoch sieht das anders aus. Von den etwa 3000 Schülern der drei Schulen sind mehr als zwei Drittel Leistungssportler. Sie pauken für die Schule, trainieren für den sportlichen Erfolg und versuchen dabei auch noch für das Leben zu lernen.
Das Konzept der Sportgymnasien basiert auf DDR-Erfahrungen, ist aber entideologi
siert worden und garantiert qualifizierte Ausbildung sportlicher Talente. Aus dem Coubertin-Gymnasium im Bezirk Prenzlauer Berg, der Flatow-Oberschule in Köpenick und der Werner-Seelenbinder-Schule in Hohenschönhausen sind prominente Sportler hervorgegangen: Franziska van Almsick, Erik Zabel und Andreas Wecker beispielsweise, alle drei werbeträchtige Sympathieträger im vereinten Deutschland.
Doch von den einstigen „Kaderschmieden des DDR-Sports" war es ein langer Weg bis zum heutigen Vorzeige-Modell der Bundesregierung. Das System der Schulen vor 1991, „muß im Gesamtzusammenhang der DDR gesehen werden", erläutert der Direktor der Werner-Seelenbinder-Schule, Gerd Neumes. „Es ging um die außenpolitische Reputation der DDR, die durch Weltrekorde aufgebessert werden sollte", so der Direktor. Geprägt durch den Slogan „Diplomaten im Trainingsanzug", hatten die KJS-Nachfolger im Westen anfangs das ideologisch zweifelhafte Image vergangener Tage. Deswegen galt es, nach der Übergangszeit zwischen 1989 und 1991 erst einmal „eine ganz normale Schule" zu werden. Dazu mußte umstrukturiert werden, ohne Personal entlassen zu müssen. Das gelang.
Heute wird nicht mehr wegen fehlender sportlicher Leistung ausgesiebt: Ein Schüler darf auch einmal eine Motivations- oder Erfolgsflaute haben, ohne gleich die Schule verlassen zu müssen; auch das eine wichtige Verbesserung. Doch eine solche Schule kann natürlich nicht „ganz normal" sein: In der Pause tauchen plötzlich Doping-Kontrolleure auf, die dann schnell ein paar Proben nehmen, oder Superstar Franziska van Almsick schaut mal vorbei, was in anderen Schulen ja auch nicht gerade auf der Tagesordnung steht.

 Schuljahr ein sportbetonter Zug eingerichtet. Nachdem eine vierte Sportschule an der Finanzierung scheiterte, wurde das kostenneutrale „Poelchau-Modell" erdacht.
Sportsenatorin Ingrid Stahmer begrüßt das Projekt, besonders, weil es ihren überstrapazierten Sportetat schont: „Die Poelchau-Schule ist auf dem besten Wege sich neben den KJS-Nachfolgern zu etablieren", sagt die Senatorin. Doch „muß eine Sportschule erst wachsen", gibt sie zu bedenken.
In den sechs Sportarten besteht eine gut funktionierende Symbiose zwischen Schule und Verein. Den Fußball-Begeisterten hat sich beispielsweise Tennis Borussia angenommen. Jeden Morgen werden die 18 Schüler mit Vereinsbussen abgeholt und zum Trainingsplatz gebracht. Nach dem Training erscheinen die Schüler dann frisch geduscht und bester Laune um 10 Uhr in der Schule. „Die Verbindung schulische und sportliche Motivation ist nicht zu leugnen", erläutert Schulleiter Rüdiger Barney die Vorzüge seines Schultyps. „Die Schüler scheinen ausgeglichener als in anderen Schulen zu sein. Wir brauchen hier zum Beispiel kein Anti-Gewalt-Programm: 
Lunte gerochen haben auch die Capitals. Der Eishockey-Club plant nun ein Engagement an der Poelchau-Schule. „Wir stehen in den Startblöcken. Es ist ein guter Weg unseren Sport breiter zu machen", meint der schwedische Nachwuchstrainer der Capitals, Morgan Svensson. „Mit dem Extra-Training im technischen und athletischen Bereich können wir ein Talent vielleicht mal auf DEL-Niveau bringen."
Die Unterstützung der potenten Vereine wird dringend benötigt, schließlich erhält die Poelchau-Schule im Gegensatz zu den Sportschulen im Ostteil für die zusätzlichen Ausgaben im Bereich Sport keine Zuschüsse aus dem Sportetat des Senats. Deswegen muß noch ein Sponsor gefunden werden, der die Schule unterstützt. Die drei etablierten Sportgymnasien haben bereits Sponsoren gefunden: Drei Berliner Banken geben jährlich insgesamt 176 000 Mark für die Talentschmieden aus.
Nun möchte die Poelchau-Schule möglichst schnell den sportlichen Standard erreichen, auf dem sich die drei anderen Sportschulen nach wie vor befinden. Das wird kaum zu schaffen sein, schließlich verfügt man nicht über die nahezu perfekte Infrastruktur und die jahrzehntelange Erfahrung wie im Ostteil. Doch was für die geplagten Schüler gilt, muß natürlich auch für die Lehrer und Verantwortlichen gelten: Keine Sorge, immer fürs Leben lernen.

 

Die derzeit prominenteste Sportlerin der Werner-Seelenbinder-Schule ist Cathleen Rund. Mit 19 Jahren hat die Schwimmerin schon eine erstaunliche Erfolgsbilanz aufzuweisen: Sie ist Europameisterin und gewann in Atlanta die Bronzemedaille. Um international so weit oben stehen zu können, muß das Umfeld stimmen.
„Eigentlich habe ich keine Nachteile, weil ich noch zur Schule gehe", sagt sie. „Auch international kann ich konstante Leistungen bringen." Dafür trainiert sie täglich fünf Stunden, zwei Stunden davon schon vor der Schule. Doch jetzt kollidieren Abitur und die Weltmeisterschaften in Perth. Deshalb ist sie „sehr froh, daß die Schule mir einen späteren Termin für die Abiturprüfungen gegeben hat. 
Außerdem organisierte man für sie im Dezember einen dreiwöchigen Sonderunterricht; es wird eben alles für die Verquickung von schulischen Leistungen und sportlichem Erfolg getan. Trotz der Sonderstellung der jungen Sportstars würde sie ihre Schule nicht als Kaderschmiede bezeichnen. „Meine Schule ist nur kooperativer als andere Schulen", meint sie. „Man will sportbegeisterten Schülern ermöglichen, weiterhin Spitzenleistungen bringen zu können." Direktor Neumes sieht das ähnlich: „Die Eltern schicken ihre Kinder nicht auf unsere Schule, weil sie eine Kaderschmiede des Sports ist, sondern weil sie eine gute Schule ist".
Im Gegensatz zu den sportbetonten Gymnasien soll ein neues Projekt im Westteil der Stadt nicht nur den Leistungssport fördern, sondern auch Breitensport auf hohem Niveau ermöglichen. In der Poelchau-Schule im Bezirk Charlottenburg wurde im neuen 

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