Jagdrevier Jungfernheide ...  


vom 20. Juli 1998

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Vom königlichen Jagdrevier zum Volkspark für Millionen

Deutschlands Hauptstadt: Jungfernheide

Von Thomas Leonhardi

«Lieber deine krummen Eichenstämme, deine weißen Birken, schwarz gestreift, und dein heimlich Tal voll Fliegenschwämme... als ein Park der Kunst», schwärmte im 18. Jahrhundert der dichtende Pfarrer Friedrich Schmidt aus Werneuchen über die Jungfernheide. Seinen Namen verdankt das Waldgebiet den «jungfräulichen» Nonnen des 1239 errichteten Benediktinerinnen-Klosters in Spandau.

Noch heute spaziert Annemarie Hiller gerne zwischen Buchen, Eichen und Birkengehölz durch den Charlottenburger Norden. «Pudelwohl» fühlt sich die 80jährige dabei. Mitte der 20er Jahre gestaltete Stadtgartendirektor Erwin Barth die 119 Hektar große Waldfläche zwischen Saatwinkler Damm und Heckerdamm zum Volkspark um. Innerhalb eines vier Kilometer langen Rundweges legte Barth in symmetrischer Form einen von Wiesen umgebenen Teich an.

Mittendrin befindet sich eine über zwei geschwungene Brücken erreichbare Insel. Am Rande des Sees erfreuen Planschwiese und Freibad jeden Sommer junge und alte Wasserratten.

«Die wollen immer was zu fressen!» Begeistert rennt die sechsjährige Sabrina an den Zaun und streckt einem grunzenden Eber zwei Weintrauben hin. Er nimmt sie dankend an. Das im östlichen Teil des Parks gelegene Wildgehege erinnert an die Jagdfreuden Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig schoß hier Schwarzwild und Hirschböcke. Heute tummeln sich hinterm Drahtzaun vier Wildschweine mit sieben Frischlingen. Nebenan röhren drei Hirsche um sechs Hirschkühe.


Blick von der Insel im See des Parks auf den 71 Jahre alten Wasserturm, der heute außer Betrieb ist.

Imposant ragt unweit der Wildgehege der um 1927 von Walter Helmcke erbaute Wasserturm in die Höhe. Bis vor zehn Jahren versorgte das 35 Meter hohe Backsteingebäude Eichen, Blutbuchen und Sträucher der Jungfernheide mit Wasser. Inzwischen ist er stillgelegt.

Lebendig geht es dagegen im Seniorenkreis an der Sühne-Christi-Kirche zu. «18, 20, Null!» tönt es aus der Ecke. Hier wird Skat geklopft, einmal in der Woche gibt es einen Tanzkursus. «Bei uns muß niemand einsam sein!» lacht Hildegard Borrasch. Die rüstige Rentnerin mit der kleinen Maikäferbrosche am Kleid wirbelt durch die Gegend, organisiert Spiele-Nachmittage und einmal im Jahr ein Weinfest. Ihre 92 Jahre sieht ihr keiner an.

 

Nur wenige Meter trennt die Senioren von der Poelchau-Oberschule. Dort hat Schulleiter Rüdiger Barney vor zwei Jahren besondere Sportförderklassen eingerichtet. «Viermal zwei Stunden in der Woche steht Sport auf dem Stundenplan», erklärt Barney. «Ob Fußball oder Leichtathletik wir unterrichten hier Sporttalente in enger Zusammenarbeit mit Vereinstrainern», ergänzt Lehrer Werner Stahr. Und besonders seine Hockeymädels sind mit Feuereifer dabei.



Daria (12) und Saski (14) beim Hockeyzweikampf auf dem Kunstrasenplatz der Poelchau-Oberschule


Mit ihrem neuen «Rezept» hat die Schule großen Erfolg: «Die Schülerzahlen steigen ständig. Selbst aus Hellersdorf reisen Schüler an», freut sich Schulleiter Barney. So bevölkern zumindest zur Schulzeit viele Jugendliche den Halemweg. Nur wenige Schüler wohnen im Kiez.

Viele junge Familien ziehen in die City oder ins Umland, weil die Versorgungslage unattraktiv ist. Kinos und Kneipen liegen weit entfernt. Zwischen Jungfernheideweg und Kurt-Schumacher-Damm leben inzwischen hauptsächlich alte Menschen. «Wir bemühen uns das fehlende Freizeitangebot etwas auszugleichen», sagt Ilona Kainzyk. Ihr vor zwei Jahren gegründeter gemeinnütziger Verein Kuskus bietet Theater, Tanz und Spiel in der Jungfernheide. Regelmäßig sonntags öffnet Kuskus die Tore zur Gustav-Böß-Freilichtbühne im Südwesten des Parks und lädt ein zu Jazz-Musik, Puppentheater oder Sambatrommeln. Einen Steinwurf von Freilichtbühne und grüner Lunge entfernt, bestimmen monotone Betonblocks den Charlottenburger Norden. «Det is der Lange Jammer.» Bruno Hauschilds Finger weist in die Ferne des langgezogenen Wohnblocks. Ein Eingang gleicht dem nächsten. Bereits in den Jahren 1929 bis 1930 wurde unter Architekt Otto Bartning die Südseite der Goebelstraße mit 28 identischen Wohneinheiten bebaut. Schnell hatte deshalb das Bauwerk im Volksmund seinen Namen weg. Die Siedlung rund um den Halemweg entstand erst Anfang der 60er Jahre. Neben Bartning plante hier auch Hans Scharoun, der Vater des Kulturforums. Im Einkaufszentrum am Halemweg verkauft Brigitte Schölnhorn seit 20 Jahren Blumen. Mächtige alte Bäume stehen dagegen im Volkspark. Stolz präsentiert Revierleiter Wolfgang Neimeyer sein «bestes Stück»: Die Eiche am Wasserturm ist über 300 Jahre alt.

 

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