Ein ideales Beispiel - und so schön kostenneutral


aus: vom 3. Dezember 1997

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Ein "ideales" Beispiel -
und so schön kostenneutral

Von ANDREAS MÜLLER

Ganz glücklich schaut Rüdiger Barney von der Poelchau‑Gesamtschule in Charlottenburg nicht. Dabei initiierte der Direktor zu Beginn des laufenden Schuljahres ein sportliches Projekt, wie es in ganz Berlin kein zweites Mal zu finden ist. Insgesamt 94 Schülern aus drei siebten Klassen wurde die Chance eingeräumt, täglich am Vormittag zwei Stunden zu trainieren. Zehn Stunden in der Woche. Die Hockey-Mädchen üben im Horst-Korber-Zentrum, die jungen Leichtathleten schwärmen zur Rudolf-Harbig-Halle aus, die Fußballer tummeln sich auf dem schuleigenen Kunstrasenplatz.
„Sportbetonte Schule im wahrsten Sinne", nennt es Barney. Schüler für den Sport zu begeistern sei das erste Anliegen, Talente zu finden und zu fördern ein Nebeneffekt. „Man muß einfach Mut haben und rangehen an die Vereine. Wir haben einen Schwimmtrainer gefunden, der unsere Sportler zunächst kostenlos betreute. Inzwischen bekommt er ein paar Mark vom Bezirksamt Charlottenburg, das uns half, wo es konnte. "Auch die Senatsverwaltung soll helfen. „Wir brauchen mehr Vertrauen, mehr Freiheit und Eigenständigkeit", wünscht sich der 49 Jahre alte Direktor. Er formulierte es sehr vorsichtig, denn Sport‑Senatorin Ingrid Stahmer saß bei dem Austausch zum Thema „Berliner Sportschulen" nur drei Meter von ihm entfernt. Schon gar nicht rückte Barney damit heraus, den Status zu begehren, wie ihn die Nachfolger der Kinder- und Jugendsportschulen in den östlichen Bezirken besitzen: Die Werner-Seelenbinder-Schule in Hohenschönhausen, die Flatow-Oberschule in 

Köpenick und das Coubertin-Gymnasium im Prenzlauer Berg. Hier treten derzeit 2982 Mädchen und Jungen in die Fußstapfen berühmter Vorgänger wie Franziska van Almsick, Andreas Wecker oder Jan Ulrich.
Ingrid Stahmer findet das Poelchau-Beispiel „ideal", weil es so schön kostenneutral sei. Dem Charlottenburger Projekt den Zuschlag für eine vierte Sportschule zu geben, wie sie von der Senatsverwaltung für den Westteil der Stadt angekündigt wurde, davor scheut die Senatorin zurück. An zwei anderen Schulen ist der Versuch unternommen worden, sie nach dem Vorbild des Trios im Osten auszurichten. Kollegium und Eltern sperrten sich.
Höchst unlogisch, wie das Versprechen an der Poelchau-Schule eingelöst werden könnte. „Dort ein Internat bauen? Unmöglich", so die Senatorin. Wegen der hohen Internatspreise von mittlerweile 500 Mark pro Monat habe es dort 30 Prozent Abmeldungen gegeben. „Pro Sportart haben wir höchstens einen qualifizierten Lehrer, wo wir doch zwei bräuchten. Beim Fechten, Bogenschießen und Boxen haben wir überhaupt keinen speziell qualifizierten Lehrer", klagt Gerd Neumer, Direktor der Werner‑Seelenbinder‑Schule. Demnächst müßten die jungen Sportler dort für ein Mittagessen sechs Mark berappen. Dank der Berliner Bankgesellschaft, die für die drei Sportschulen insgesamt 180 000 Mark bereitstellte, kann das Schlimmste verhindert werden. Nummer vier scheint auf ewig abgehakt. Rüdiger Barney muß resigniert feststellen: „Politisch ist das wohl nicht gewollt."

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