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Wettkampf ums Wunsch - Gymnasium von Annette Kuhn |
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Es waren vielleicht die aufregendsten
zwei Stunden in seinem elfjährigen Leben. Zumindest steckte Leon aus
Charlottenburg wohl noch nie vorher in einer ähnlichen Prüfungssituation.
Mit ihm waren 17 Hockey spielende Kinder zum Sichtungstermin der
Poelchau-Oberschule gekommen, einer der drei Berliner Eliteschulen des
Sports.
Auch viele Eltern
sehen sich in diesen Tagen einem harten Wettbewerb ausgesetzt, wenn es um
den Wechsel ihrer Kinder von der sechsten zur siebten Klasse, also von der
Grundschule auf eine weiterführende Schule geht. Zum kommenden Schuljahr
haben sich die Aufnahmekriterien geändert, was es für viele der 27 133
Sechstklässler und ihre Eltern schwieriger macht, die Chancen für einen
Platz auf der Wunschschule realistisch einzuschätzen.
Der Wunsch, nach der sechsten Klasse auf die Poelchau-Schule zu wechseln,
ging von Leon selbst aus. In seinem Hockeyverein kannte er andere Kinder
und Trainer, die die Schule bereits besuchen. Leons Eltern hatten zunächst
an ein Gymnasium gedacht, weil ihr Sohn auch eine entsprechende
Förderprognose bekommen hat. Doch sie haben schnell gesehen, dass eine
Sportschule Leons Interessen entgegenkommt. Es überzeugt sie, dass Leons
sportliche Leidenschaft im Rahmen dieser Schulkonzeption zentrale
Bedeutung erfährt und entsprechend wertgeschätzt wird. Gleichzeitig sind
die schulischen Rahmenbedingungen ideal, weil höchstens 18 Kinder und in
den Kernfächern zwei Lehrer in einer Klasse sind. Dennoch bleiben Zweifel:
Was ist, wenn sich Leon verletzt, wenn er nicht mehr Hockey spielen kann?
Welche Schule nimmt ihn dann?
Gefühl
der Ohnmacht
Mehr
Kinder - mehr Konkurrenz
Auch die
Privatschulen, die zum Teil schon vor den staatlichen Schulen ihre Auswahl
getroffen haben, verzeichnen großen Andrang. Bei den evangelischen
Oberschulen kommen etwa drei Bewerber auf einen Schulplatz, nicht anders
sieht es bei den katholischen Schulen aus, auch wenn das Erzbistum keine
offiziellen Zahlen nennt. Unter Eltern kursieren aber Zahlen, dass sich
zum Beispiel an der katholischen Schule Liebfrauen in Charlottenburg
einige hundert Schüler um die 90 Schulplätze beworben haben.
Auch an der Poelchau-Schule liegt das Verhältnis zwischen Bewerbern und
Schulplätzen in manchen Sportarten, wie Fußball, bei 1:3. Die künftigen
Siebtklässler sind aber schon ausgewählt. Seit vergangenem Herbst gab es
Sichtungstermine. Die künftigen Sport-Eliteschüler müssen nur noch ihr
Zeugnis vorlegen - Realschul- oder Gymnasialempfehlung sind Voraussetzung
- und die sportmedizinische Untersuchung bestehen.
Warten auf die Entscheidung
Auch Leon hat es geschafft, obwohl er nach dem Sichtungstraining gar nicht
damit gerechnet hat. Er war so aufgeregt, dass ihm nicht jeder Schlag so
gelang, wie er es sich gewünscht hatte. 20 Minuten wurden die Kandidaten
nach dem Termin auf die Folter gespannt, 20 Minuten mussten sie warten,
bis die Jury sie wieder in die Halle rief und verkündete, wer künftig die
Poelchau-Schule besuchen kann. Da flossen auch Tränen. Wer es nicht
geschafft hat, muss nun nach monatelanger Vorbereitung ganz von vorn
beginnen.
Ein Verfahren, das Elfjährige herausfordert - aber "so läuft es eben im
Leistungssport", sagt Leons Mutter, und sie ist zugleich froh, dass ihrem
Sohn diese Niederlage erspart blieb. Allerdings bekommen die
Poelchau-Kandidaten ihre Zu- oder Absage sofort und müssen nicht
wochenlang warten, wie all die anderen Sechstklässler, unter ihnen auch
Celine, die erst im April von den Schulämtern den Bescheid bekommen, an
welcher Schule sie letztlich landen.
aus: Berliner Morgenpost vom 6. Februar 2011 |