Aus dem Ghetto in die Bundesliga ...


18/2007

Aus dem Ghetto 
direkt in die Bundesliga

Von Florian Scholz und Timo Prüfig

Diese fünf Jung-Stars schafften es aus Berlin-Wedding hoch in die Bundesliga. Für SPORTBILD trafen sie sich wieder, wo alles begann: Sie redeten übers harte Leben der Straße, Freundschaft, Armut, Kriminalität.

Auf seinen Nacken hat Ashkan Dejagah (20) den Satz »Never forget where you from« stechen lassen. Vergiss nie, woher du kommst, heißt das. Auf dem rechten Arm des Sohnes iranischer Eltern steht »Teheran«, sein Geburtsort, auf dem linken »Berlin«. Die Stadt, die er als Heimat empfindet. Neun Tätowierungen hat der Stürmer insgesamt.
Der Hertha-Profi will nie vergessen, woher er kommt.
Aus dem Armenteil der Republik: Berlin-Wedding.
Dort wuchs Dejagah mit den Boateng-Brüdern Jerome und Kevin, die beide auch bei Hertha spielen, mit Änis Ben-Hatira (HSV) und Zafer Yelen (Hansa Rostock) auf. AußerYelen,der türkischer U-21Nationalspieler ist, haben alle deutsche Pässe. Dejagah ist der Einzige, der nicht in Berlin geboren wurde.
SPORT BILD hat die fünf jungen Stars dorthin begleitet, wo sie lernten: an die Poelchau. Eine Sport-Gesamtschule, die gerade die Schul-WM im Fußball gewonnen hat.
In diesem Kultur- und Sprachengewirr (s. Kasten rechts), zwischen
Hochhäusern und Dönerläden, wo Aggressionen an der Tagesordnung sind, kämpften sie sich hoch.
Schlägereien, Armut und Elend bestimmten ihr Leben im Ghetto.

»Viele unserer damaligen Freunde sind mit Drogen und Alkohol in Kontakt gekommen«, sagt Ben-Hatira (18), Sohn tunesischer Eltern. »Ich kann Lieder darüber singen, wie sich Jugendliche geschlagen haben, sich mit Messern attackiert und zerfetzt haben.«
Yelen (türkische Eltern), die Halbbrüder Boateng (Vater aus Ghana, deutsche Mütter), Ben-Hatira und
Dejagah - dieser Multi-Kulti steht  für die neueBundesliga-Generation.
»Wir sind stolz darauf, halb-halb zu sein«,sagt Jerome Boateng. Kevin ergänzt: »Durch die vielen verschiedenen Kulturen kann ich ein bisschen Arabisch, Türkisch, Französisch. Wir sind nach den Regeln der Straße aufgewachsen.« Heißt: Die fünf sind nur als Gruppe aufgetreten. »Alleine wirst du sofort abgezogen«, sagt Kevin (20).Abgezogen bedeutet: verprügelt, ausgeraubt.
Auf der Straße siegt eben derStärkere. Und das ist derjenige, der nicht wegrennt. Diese Mentalität zahlt
sich jetzt auf dem Fußballplatz aus. »Wir haben schnell den Siegeswillen gelernt«, sagt Zafer Yelen (20).
»Durch unsere Vergangenheit haben wir eine stärkere Motivation als andere. Wir haben so großen Stolz, dass verlieren gar nicht geht«, sagt Ben-Hatira.
Im Alter von zehn Jahren spielten Kevin, Ashkan und Änis bei den Reinickendorfer Füchsen, sie besuchten später mit Zafer und Jerome (18) die Poelchau-Sportschule. Der Tagesablauf dort: zwei Stunden Unterricht, zwei Stunden Sport, zwei Stunden Unterricht.
2003 gewannen Jerome, Kevin und Änis das Bundesfinale »Jugend trainiert für Olympia« mit Jerome im Tor! Heute ist er Verteidiger.
Schulleiter Rüdiger Barney (58) erinnert sich: »Die Jungs hatten nur Fußball im Kopf. Ihre schulischen Leistungen waren begrenzt. Kevin Boateng ist intelligent, hatte aber
Flausen im Kopf.«
Immerhin: Fußball hielt die
Riesen-Talente von Alkohol und Drogen fern. Das ist nicht selbstverständlich in diesem Umfeld.
»Mein Vater hatte einen Dönerladen, meine Mutter hat geputzt. Wenn meinPapa mal beim Fußball zugeschaut hat, war das wie ein Geburtstag für mich. Sie hatten kaum Zeit«, sagt Ben-Hatira.
Zum Sport wurde keiner der jungen Männer gefahren. Als Kinder stiegen sie alleine in die U- und S-Bahnen zum Training.
Die Eltern hatten anderes zu tun: die Großfamilie zu ernähren. So sind Jerome und Kevin Halbbrüder, Kevin hat noch einen Bruder und drei Halbschwestern, Jerome zwei Halbbrüder und eine Schwester. Zafer hat sogar sechs Geschwister. Änis vier. Einzig Ashkan Dejagah hat nur einen Bruder.
»Unsere Eltern konnten kaum Deutsch. Wie sollten sie uns helfen?«, sagt Dejagah, »Wir als Freunde haben uns geholfen« Bis heute
halten sie fest zusammen. Alle fünf verdienen im Jahr sechsstellige Summen. Geld, das in Kleidung oder Autos investiert wird.
»Ich habe einen Traum: Ich will meinen Eltern ein Haus kaufen. Sie sollen nie wieder arbeiten« sagt  Ben-Hatira.  Mit 16 Jahren ist der Junioren-Nationalspieler (U 19) aus dem Hertha-Internat über den Umweg TeBe zum HSV gekommen.
Auch Dejagah verlässt Berlin - er geht zum VfL Wolfsburg.
Trotzdem: »Wir werden uns gegenseitig nie vergessen, Wir machen bei uns keine Unterschiede zu unseren leiblichen Geschwistern« sagt Kevin Boateng.
Um das zu verdeutlichen, erzählt Ben-Hatira Folgendes: Er war Tunesien, als Kumpel Ashkan erstmals für Hertha BSC im O
lympiastadion einlief.
»Als ich das sah, habe ich vor Freude fast geheult«

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