Selbstkritisch statt selbstzufrieden ...


vom 30. August 2004

Selbstkritisch statt selbstzufrieden

Jochen Zinner, Leiter des Olympiastützpunktes in Berlin, bilanziert trotz 13 Medaillen 
in fünf Sportarten: Es war mehr drin
Von Sebastian Arlt

Mit großen Hoffnungen und begleitet von hohen Erwartungen waren die 58 Olympiateilnehmer nach Athen gereist, die am Olympiastützpunkt (OSP) in Berlin betreut werden. Weltmeister, Europameister und Olympiasieger standen im Berliner Aufgebot, doch wenn Jochen Zinner, der OSP-Leiter, jetzt Bilanz zieht, wird deutlich, dass die Erwartungen nur zum Teil erfüllt wurden. Der 60-Jährige fasst sein Fazit in vier Worte zusammen: "Es war mehr drin."
Etwa ein Achtel der knapp 450 Athleten starken deutschen Mannschaft kam aus Berlin. Von der Quantität her eine sehr gute Quote. Und doch: Die erhoffte Qualität war nicht durchgängig vorhanden. "Man kann nicht zufrieden sein, weil viele bei den Spielen nicht ihre beste Leistung gebracht haben", sagt Zinner. Also zu dem Zeitpunkt, an dem es wirklich zählte.

Doch erst einmal zum Positiven: Insgesamt gewannen die Berliner in Athen 13 Medaillen in fünf verschiedenen Sportarten. Gold gab es für Katrin Rutschow-Stomporowski (Rudern), Ronald Rauhe und Maike Nollen (beide Kanu) sowie das Hockey-Quartett Natascha Keller, Badri Latif, Sonja Lehmann und Louisa Walter. Silber gewannen Stefan Ulm (Kanu) und Britta Oppelt (Rudern). Mit Bronze kommen nach Hause: Tibor Weißenborn (Hockey), Guido Fulst (Bahnrad) und Franziska van Almsick (Schwimmen), die zwei Mal mit Staffeln Dritte wurde. Zum Vergleich: In Sydney vor vier Jahren holten 59 Berliner Teilnehmer 15 Medaillen, davon drei in Gold.Besonders auffällig ist für Zinner, dass einige amtierende Weltmeister oder Weltrekordinhaber in ihren Disziplinen leer ausgingen. So beispielsweise Fünfkämpfer Eric Walter, Robert Sens aus dem Ruder-Vierer, Susanne Schmidt und Silke Günther im Achter oder Franziska van Almsick über 200 m Freistil.
Berlin sei weiterhin ein "herausgehobener Standort", erklärt Zinner. Kein OSP in Deutschland arbeitet erfolgreicher. "Aber wir sind sehr selbstkritisch und nicht selbstzufrieden." Und da nach den Olympischen Spielen in Athen schon wieder vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 ist, wird beim OSP schon Ursachenforschung betrieben und über Verbesserungen nachgedacht. "Entscheidend ist, wie gut und wie viel man trainiert", sagt Zinner. Beim OSP kümmere man sich um sehr vieles, "dass die Athleten Zeit haben, dass die Schwimmhallen offen sind, dass die Athleten Geld haben", aber darunter leide manchmal, dass man zu wenig Zeit für Leistungsdiagnostik habe. Zudem seien mentale Probleme bei einigen Athleten aufgetreten. "Man gewinnt mit dem Kopf und verliert mit dem Kopf", erklärt der OSP-Chef. Mentales Training müsse künftig forciert werden. Aber: "Nicht jeder sollte zu seinem eigenen Guru gehen."
Vielleicht, so Zinner, ist auch "unser Umfeld Mittelmaß". Nicht im nationalen Vergleich allerdings, wo Berlin bei den Olympiastützpunkten führend ist. "Doch wenn man es international vergleicht, gibt es noch viel zu tun." Als Beispiel führt Zinner die ungeklärte Situation bei einigen Trainern an, die momentan noch nicht wissen, ob sie ab 1. Januar 2005 weiterbeschäftigt werden können. "Das treibt dann natürlich die Trainer, aber auch die Athleten um, die zum Teil auch finanzielle Sorgen haben." Viel Kraft geht da bei allen Beteiligten verloren.
Ein kritisches Auge wirft Zinner auch auf die drei Berliner Eliteschulen des Sports und die Poelchau-Oberschule. Hier sollen die Olympiateilnehmer von morgen ausgebildet werden. Doch inzwischen sind die Verflachungstendenzen nicht zu übersehen. "Von 200 Abiturienten sind gerade einmal zehn Prozent Bundeskaderathleten", hat Zinner festgestellt. Klar ist, dass sich letztlich eher nach der Mehrheit als nach der Minderheit gerichtet wird.
Für Zinner steht fest, dass es in Zukunft heißen muss: "Es gilt nicht, die vielen Tüchtigen, sondern die wenigen Herausragenden richtig zu fördern." Offensiv müsse sich in der Zukunft um Qualität gekümmert werden. Die Zeit drängt: Bis Peking sind es nur noch vier Jahre.

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