Der Osten macht Schule ...    


nach unten

v. 30. Nov. 2000

Der Osten macht Schule

In der Poelchau-Oberschule in Charlottenburg beginnt kommenden Sommer die erste Sportelite-Ausbildung im Westen Berlins

Von Pitt von Bebenburg (Berlin)

Als "Medaillenschmieden" wurden sie bekannt, die Schulen für die Sportelite der DDR. Zugleich erlangten sie traurige Berühmtheit als Horte von Drill und Doping. Noch heute gibt es 33 dieser Schulen in Ostdeutschland, die sich - inzwischen mit anderen Mitteln - der Förderung des Spitzensports verschrieben haben. Mehr als zehn Jahre nach der deutschen Vereinigung ist das Konzept auch im Westen angekommen. Erstmals gibt es eine "Sporteliteschule" im Westen Berlins: die Poelchau-Oberschule in Charlottenburg. Das wurde am Mittwoch in Berlin bekannt gegeben.
Schulsenator Klaus Böger (SPD) ist sich des zwiespältigen Erbes bewusst. "Riesenerfolge, aber auch Riesenverbrechen" seien mit den Sport-Internaten der DDR verknüpft. Eliteförderung an der Schule sei gleichwohl richtig, betont Böger - wenn auch mit anderen Methoden als früher. In den östlichen Stadtteilen Hohenschönhausen und Köpenick haben sich drei sportbetonte Schulen, die schon zu DDR-Zeiten Leistungszentren waren, entsprechend gewandelt. Vom nächsten Schuljahr an kommt die Poelchau-Oberschule hinzu, freilich ohne ein Internat.
Die Sportfunktionäre der Hauptstadt begrüßten diese Nachricht überschwänglich. Allein 40 der 59 Berliner Olympiateilnehmer seien den Weg über Eliteschulen gegangen, berichtete der Präsident des Landessportbundes, Peter Hanisch. Stars wie Schwimmerin Franziska van Almsick und Rad-Olympiasieger Robert Bartko sind darunter. Hanischs Vize Dietrich Gerber sprach von einer "Sternstunde" der Sportpolitik. Die spezialisierten Schulen seien zwar "kein Königsweg", aber "einer der wesentlichen Wege, die junge Sportlerinnen und Sportler gehen müssen, um eines Tages zu Königinnen und Königen des Sports zu werden". Aus vielen Bundesländer blicke man mit Neid nach Berlin.
Anders als die Sportschulen im Ostteil der Stadt wird die Charlottenburger Einrichtung auch Klassen ohne Sportförderung behalten. Neben drei "normalen" siebten Klassen sollen drei Klassen aus Schülern gebildet werden, die sich auf Leichtathletik oder Schwimmen, Modernen Fünfkampf, Rudern oder Hockey spezialisieren. Sie werden zehn Stunden Sport pro Woche haben - davon acht Stunden Training in der Spezialdisziplin. Diese Schüler haben aber nur zwei Schulstunden mehr auf ihrer Tafel als die anderen - die übrige Zeit wird beim Wahlpflichtfach und Tutorenstunden abgeknapst.
"Die haben keine Englischstunde weniger, kein Deutsch weniger, keine Biologie weniger", betonte Schulleiter Rüdiger Barney. Auch Senator Böger sagte, die Ausbildung werde nicht zu kurz kommen. Die Förderung von Leistungssportlern in jungen Jahren sehe er als "Vermittlung von Ethik und Persönlichkeitsentwicklung" an. Es gehe nicht darum, "Medaillengewinner zu züchten". Böger zufolge ist die Finanzierung der hauptamtlichen Trainer für die nächsten Jahre gesichert; sie koste das Land sechs Millionen Mark pro Jahr. Schon seit einigen Jahren hat die Poelchau-Schule sportliche Schwerpunkte gesetzt - so stellte der Fußballverein Tennis Borussia vier Trainer und Kleinbusse für den Transport junger Kicker.
Ausgewählt werden die Leistungsschüler von den Verbänden und der Schule. Der Bildungssenator hofft mit der neuen Einrichtung in Charlottenburg, "Chancengleichheit" für die Jungen und Mädchen in diesem Teil Berlins herzustellen. Zugleich sollen Jugendliche nicht-deutscher Herkunft einbezogen werden

Presse  

Pressekonferenz

nach oben