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PORTIMAO - Selten
war bei Hertha B SC so viel Berlin wie in dieser Saison. Fast ein Dutzend
Talente aus dem eigenen Nachwuchs steht im Profikader. Mit Sascha Burchert
(21), Alfredo Morales, Marvin Knoll (beide 20) und Fanol Perdedaj (19)
versammelte die Morgenpost im Trainingslager in Portugal vier von ihnen zu
einer Berliner Runde. Es ergab sich ein Gespräch über das Leben als
Jungprofis, die Verbundenheit zu Hertha und ihrer Heimat Berlin, über
S-Bahnfahren und teure Ausflüge ins Möbelhaus. Alfredo (Abi 2009), Marvin
und Fanol (MSA) waren Schüler der Poelchau-Eliteschule des Fußballs und
wurden 2007 in Chile Schülerweltmeister.
Berliner Morgenpost: Herr Burchert, wie ist es so mit drei Weltmeistern an
einem Tisch?
Sascha Burchert: Nicht schlecht, oder? Die Jungs erzählen auch oft von
damals.
Von damals, im April 2007, als sie als Gesandte der Poelchau-Oberschule in
Chile mit Deutschland Schüler-Weltmeister wurden. Wie war das?
Marvin Knoll: In der Jugend waren diese zwei Wochen mein größtes Erlebnis.
Alfredo Morales: Wir wussten
im Vorfeld ja gar nicht, was uns erwarten würde. Wir wussten, wir sind
gut. Aber die anderen? Italien, dachten wir: Die sind bestimmt stark! Wir
haben sie 6:0 weggehauen. Fanol Perdedaj: Oder Südafrika im Endspiel. Die waren alle einen
Kopf kleiner als wir, sind gerannt wie die Maschinen. Wir haben 2:1
gewonnen, hatten viel Glück.
Sie, Herr Knoll, erzielten ein Tor im Finale, wurden mit zehn Toren
Torschützenkönig.
Knoll: Ja, ich habe in jedem Spiel mindestens einmal getroffen. Darauf bin
ich schon ein wenig stolz.
Morales: Und jetzt sitzen wir drei hier und sind alle Profis bei Hertha.
Sensationell! Burchert: Euer
Vorteil damals war, dass ihr praktisch komplett als U17 von Hertha
angetreten seid. Morales:
Stimmt. In der Startelf standen außer uns meist nur zwei Spieler von TeBe.
Auch das aktuelle Profiaufgebot von Hertha kommt immer mehr einer
Lokalauswahl gleich. Ein knappes Dutzend Spieler wurde in Berlin geboren.
So viel Berlin gab es bei Hertha lange nicht. Woran liegt das?
Burchert: Natürlich einerseits an den ein, zwei Jahrgängen, die gerade
dran sind. Und dann am Abstieg. In der Bundesliga könnten nicht so viele
Talente spielen. Knoll:
Korrekt, Sascha, so ehrlich müssen wir sein: Der Abstieg war nicht schön -
aber für uns Junge ein Riesenvorteil.
Burchert: Aber ein Abstieg allein ist nicht alles. Du brauchst
den richtigen Trainer.
Markus Babbel...
Morales: „…ist für uns der allergrößte Glücksfall überhaupt. '' -
Perdedaj: Wenn ich da
an letzte Saison denke … Burchert: Da war es um 180 Grad anders.
Als
Friedhelm Funkel quasi als erste Amtshandlung alle jungen Spieler zur U23
schickte. Offiziell, weil sie den Druck des Abstiegskampfes nicht
gewachsen sein würden.
Perdedaj: Das hätte er zuerst ja mal herausfinden können. Stattdessen gab
es quasi null Kontakt mit uns.
Burchert: Und es ist ja nicht so, dass gerade die jungen Spieler
verunsichert gewesen wären. Alle waren verunsichert! Perdedaj: Ich hätte es mir schon zugetraut zu spielen. Aber gut,
so habe ich in der U23 Gas gegeben.
Hat Funkel dort mal zugeguckt?
Perdedaj: Nein. Morales:
Höchstens ein oder zweimal.
Knoll: Aber höchstens!
Burchert: Lasst uns darüber doch nicht mehr viele Worte verlieren!
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Wie war stattdessen der Start unter Babbel? Sagte er zu Anfang etwa: Ihr
werdet eure Chance bekommen?
Burchert: Das nicht. Aber es war zu spüren, dass er im ersten
Trainingslager in Oberstaufen bei jedem Spieler, auch den jungen, genau
hinschaute, wer fußballerisch, aber auch charakterlich zur Truppe passen
würde. Auf den Charakter legt er großen Wert.
Wie schwer zu verkraften war es da für Sie, die Herren Knoll und Morales,
dass Sie als erste aus dem Profikader gestrichen wurden?
Morales: Klar, im ersten Moment denkst du: Scheiße, und schon bist du
raus! Tatsächlich waren wir ja aber gar nicht raus, weil wir zuvor noch
gar nicht richtig in der Mannschaft waren.
Knoll: Wir durften reinschnuppern, danach sollten wir bei der U23
Spielpraxis sammeln und Führungsspieler werden. Dann, sagte Babbel, kommt
ihr auch wieder nach oben. Er hat Wort gehalten.
Nicht nur das. Während des Trainingslagers haben Sie beide Profiverträge
unterzeichnet.
Morales: Ich habe danach sofort meinen Vater angerufen und ihm davon
erzählt.
Wissen Sie auch schon, was Sie mit Ihrem ersten Profigehalt anstellen
werden?
Knoll: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich suche zurzeit nach
einer eigenen Wohnung. Aber ich bin deshalb jetzt ja noch kein Millionär.
Außerdem geht es gar nicht so sehr um das Mehr an Geld, sondern um die
innere Befriedigung. Morales:
Sehe ich genauso. Klar, das Geld schiebt niemand beiseite. Aber den Status
Fußballprofi haben wir immer vor Augen gehabt.
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Knoll: Jetzt ist es ein Wahnsinnsgefühl!
Burchert: Aus eigener Erfahrung sage ich euch: Eines, das
trotzdem nicht lange anhalten wird.
Knoll: Umso mehr genießen wir es.
Perdedaj (lacht): Die erste Kohle wandert sowieso erst mal in die
Mannschaftskasse. Morales:
Von wegen! Ich habe schon seit Sommer eine eigene Wohnung in Schöneberg.
Was das kostet! Da geht man einmal für Tisch und Stühle zu Ikea, schon ist
man 150 € los. Oder die Küche: Ich bat meine Mutter, sie solle alles
Notwendige besorgen und mit dann die Quittung geben. Sie kaufte Besteck,
Gläser – all so’n Kram. Ich dachte, ich spinne: 470 Euro!
Stand für Sie eigentlich in Zweifel, bei Hertha Profi werden zu wollen?
Knoll: Niemals! Hertha ist der Verein, der mir die Chance gegeben hat, als
Fußballer Fuß zu fassen. Ich spiele jetzt im siebten Jahr für Hertha, ohne
die Ausbildung in dieser Zeit säße ich jetzt nicht hier.
Morales: Ich spiele sogar schon seit elf Jahren, also seit 2000, bei
Hertha. Ich kann mir auch gar nichts anderes vorstellen. Ich habe nichts
gegen Nürnberg oder Frankfurt - aber Hertha ist für mich ein Lebensgefühl
geworden, indem ich all die Jahre jeden Tag von der U-Bahn die
Hanns-Braun-Straße hoch gelaufen bin und immer in blau-weißen Trikots
gespielt habe. Burchert: Für
jeden von uns gilt: Als wir zu Hertha kamen, waren wir nicht diejenigen,
die wir heute sein dürfen. Da wollen wir jetzt etwas zurückgeben.
Perdedaj: Und es ist doch so: Hertha ist der große Verein in Berlin,
zu dem jeder will. Burchert:
Das sagt jetzt ausgerechnet der Köpenicker!
Sie, Herr Perdedaj, sind also ein Herthaner aus dem Staatsgebiet des 1.FC
Union?
Perdedaj (lacht): Ja, und ich wohne gern da, obwohl ich - solange ich noch
keinen Führerschein besitze - oft eine Stunde lang mit der S-Bahn fahren
muss.
Werden Sie während der Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr oft
angesprochen: Mensch, Sie sind doch dieser Hertha-Profi?
Perdedaj: Angesprochen wird man selten. Aber schon oft angeguckt.
Am Tisch sitzen der Köpenicker Perdedaj, der in Lichtenberg groß wurde,
der Hohen-schönhausener Burchert, der Weddinger Morales und der Spandauer
Knoll. Was macht für Sie den Reiz von Berlin aus?
Burchert: Am meisten sicherlich, dass einfach immer überall was los ist.
Ich habe 18 Jahre in Hohenschönhausen gelebt - und brauchte auch nichts
anderes. Charlottenburg kannte ich nur vom Training, an den Kudamm habe
ich nicht gedacht. Jetzt lebe ich seit zwei Jahren in
Charlottenburg-Wilmersdorf - jetzt
empfinde ich es als komisch, wenn ich mal wieder in Hohenschönhausen bin.
Knoll: Umziehen kommt für
mich nicht in Frage! Ich bleibe Spandauer. Da habe ich die
Shopping-Arcaden, ein wunderschönes Rathaus und einen überragenden
Weihnachtsmarkt, den besten in Berlin.
Morales: Für mich ist Berlin Multikulti. Ich bin mit deutschen und
auch vielen ausländischen Freunden aufgewachsen.
Knoll: Ich genauso.
Burchert (lacht): In Hohenschönhausen ist das naturgemäß etwas anders.
Wie gelangt man aus dem Osten der Stadt überhaupt zu Hertha?
Burchert: Das darf ich eigentlich gar nicht erzählen.
Morales: Zier' dich nicht!
Burchert: Na ja, ich war bei einem Schulturnier gesichtet worden, aber
für ein Probetraining hatte ich dann nie Zeit, weil ich auf einer
Ganztagesschule war. Aber als es dann klappte, habe ich auf Anhieb
gespielt, es war mein erstes Spiel aufs Großtor überhaupt, wir verloren
gegen St. Pauli 5:6. Ich habe wohl nicht allzu oft gut ausgesehen. Falko
Götz, der damals Nachwuchskoordinator war, dachte wohl: Mit dem wird es
wohl doch nichts. Aber Ilja Hofstädt, der seit der C-Jugend mein
Torwarttrainer war, hat sich zum Glück für mich ausgesprochen. Ihm
verdanke ich einiges.
Sie alle sind in einem Alter, in dem Ihre Vorgängergeneration gar nicht
schnell genug aus Berlin wegkommen konnte. Heute spielen etwa die
Boateng-Brüder in England und Italien. Warum sind Sie anders?
Burchert: Ich weiß nicht, ob sie damals das Geld oder die Perspektive
gesehen haben. Vielleicht waren sie auch einfach einen Tick weiter als wir
- ich meine von der fußballerischen Qualität her, bestimmt nicht
menschlich. Morales: Natürlich träumt man mal davon, in England oder Spanien
zu spielen. Aber wirklich nachgedacht hat darüber von uns noch keiner.
Zu sagen „Hertha forever" - so weit gehen Sie aber nicht, oder?
Morales: Für immer - das ist schon wirklich ein sehr großer Zeitraum.
Burchert: Wobei, wenn alles stimmt, die Umstände, die Perspektiven,
die Trainer, dann kann das schon funktionieren. Schließlich ist Berlin die
Stadt, in der ich alles habe, was mir wichtig ist, meine Familie, meine
Freunde. Knoll: Aber du weißt
doch auch, wie schnelllebig der Fußball ist.
Burchert: Na klar. Allein ich erlebe in meinem dritten Jahr als Profi
schon meinen dritten Trainer.
Kurzfristig könnte es ein schönes Ziel sein, sich mit dem Aufstieg in der
Historie des Clubs zu verewigen.
Perdedaj: Ein schönes Ziel, kein Zweifel. Aber der Weg bis dahin ist noch
sehr weit! Burchert: Trotzdem
wollen wir am 15. Mai natürlich aufgestiegen sein, ist doch klar.
Das Gespräch moderierte Daniel Stolpe
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