Hertha ist ein Lebensgefühl ...



vom 9. Januar 2011


"Hertha ist ein Lebensgefühl"

Jungprofis aus Berlin: Was Sascha Burchert, Fanol Perdedaj,
Alfredo Morales Und Marvin Knoll im Alltag erleben und warum Trainer Babbel ein Glücksfall für sie ist


PORTIMAO - Selten war bei Hertha B SC so viel Berlin wie in dieser Saison. Fast ein Dutzend Talente aus dem eigenen Nachwuchs steht im Profikader. Mit Sascha Burchert (21), Alfredo Morales, Marvin Knoll (beide 20) und Fanol Perdedaj (19) versammelte die Morgenpost im Trainingslager in Portugal vier von ihnen zu einer Berliner Runde. Es ergab sich ein Gespräch über das Leben als Jungprofis, die Verbundenheit zu Hertha und ihrer Heimat Berlin, über S-Bahnfahren und teure Ausflüge ins Möbelhaus. Alfredo (Abi 2009), Marvin und Fanol (MSA) waren Schüler der Poelchau-Eliteschule des Fußballs und wurden 2007 in Chile Schülerweltmeister.

Berliner Morgenpost: Herr Burchert, wie ist es so mit drei Weltmeistern an einem Tisch?
Sascha Burchert: Nicht schlecht, oder? Die Jungs erzählen auch oft von damals.

Von damals, im April 2007, als sie als Gesandte der Poelchau-Oberschule in Chile mit Deutschland Schüler-Weltmeister wurden. Wie war das?
Marvin Knoll: In der Jugend waren diese zwei Wochen mein größtes Erlebnis.
Alfredo Morales: Wir wussten im Vorfeld ja gar nicht, was uns erwarten würde. Wir wussten, wir sind gut. Aber die anderen? Italien, dachten wir: Die sind bestimmt stark! Wir haben sie 6:0 weggehauen.
Fanol Perdedaj: Oder Südafrika im Endspiel. Die waren alle einen Kopf kleiner als wir, sind gerannt wie die Maschinen. Wir haben 2:1 gewonnen, hatten viel Glück.

Sie, Herr Knoll, erzielten ein Tor im Finale, wurden mit zehn Toren Torschützenkönig.
Knoll: Ja, ich habe in jedem Spiel mindestens einmal getroffen. Darauf bin ich schon ein wenig stolz.
Morales: Und jetzt sitzen wir drei hier und sind alle Profis bei Hertha. Sensationell!
Burchert: Euer Vorteil damals war, dass ihr praktisch komplett als U17 von Hertha angetreten seid.
Morales: Stimmt. In der Startelf standen außer uns meist nur zwei Spieler von TeBe.

Auch das aktuelle Profiaufgebot von Hertha kommt immer mehr einer Lokalauswahl gleich. Ein knappes Dutzend Spieler wurde in Berlin geboren. So viel Berlin gab es bei Hertha lange nicht. Woran liegt das?
Burchert: Natürlich einerseits an den ein, zwei Jahrgängen, die gerade dran sind. Und dann am Abstieg. In der Bundesliga könnten nicht so viele Talente spielen.
Knoll: Korrekt, Sascha, so ehrlich müssen wir sein: Der Abstieg war nicht schön - aber für uns Junge ein Riesenvorteil.
Burchert: Aber ein Abstieg allein ist nicht alles. Du brauchst den richtigen Trainer.

Markus Babbel...          
Morales: „…ist für uns der allergrößte Glücksfall überhaupt. '' - 
Perdedaj: Wenn ich da an letzte Saison denke …
Burchert: Da war es um 180 Grad anders.         

 Als Friedhelm Funkel quasi als erste Amtshandlung alle jungen Spieler zur U23 schickte. Offiziell, weil sie den Druck des Abstiegskampfes nicht gewachsen sein würden.
Perdedaj: Das hätte er zuerst ja mal herausfinden können. Stattdessen gab es quasi null Kontakt mit uns.
Burchert: Und es ist ja nicht so, dass gerade die jungen Spieler verunsichert gewesen wären. Alle waren verunsichert!
Perdedaj: Ich hätte es mir schon zugetraut zu spielen. Aber gut, so habe ich in der U23 Gas gegeben.

Hat Funkel dort mal zugeguckt?
Perdedaj: Nein.
Morales: Höchstens ein oder zweimal.
Knoll: Aber höchstens!
Burchert: Lasst uns darüber doch nicht mehr viele Worte verlieren!

Wie war stattdessen der Start unter Babbel? Sagte er zu Anfang etwa: Ihr werdet eure Chance bekommen?
Burchert: Das nicht. Aber es war zu spüren, dass er im ersten Trainingslager in Oberstaufen bei jedem Spieler, auch den jungen, genau hinschaute, wer fußballerisch, aber auch charakterlich zur Truppe passen würde. Auf den Charakter legt er großen Wert.

Wie schwer zu verkraften war es da für Sie, die Herren Knoll und Morales, dass Sie als erste aus dem Profikader gestrichen wurden?
Morales: Klar, im ersten Moment denkst du: Scheiße, und schon bist du raus! Tatsächlich waren wir ja aber gar nicht raus, weil wir zuvor noch gar nicht richtig in der Mannschaft waren.
Knoll: Wir durften reinschnuppern, danach sollten wir bei der U23 Spielpraxis sammeln und Führungsspieler werden. Dann, sagte Babbel, kommt ihr auch wieder nach oben. Er hat Wort gehalten.

Nicht nur das. Während des Trainingslagers haben Sie beide Profiverträge unterzeichnet.
Morales: Ich habe danach sofort meinen Vater angerufen und ihm davon erzählt.

Wissen Sie auch schon, was Sie mit Ihrem ersten Profigehalt anstellen werden?
Knoll: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich suche zurzeit nach einer eigenen Wohnung. Aber ich bin deshalb jetzt ja noch kein Millionär. Außerdem geht es gar nicht so sehr um das Mehr an Geld, sondern um die innere Befriedigung.
Morales: Sehe ich genauso. Klar, das Geld schiebt niemand beiseite. Aber den Status Fußballprofi haben wir immer vor Augen gehabt.


Knoll: Jetzt ist es ein Wahnsinnsgefühl!
Burchert: Aus eigener Erfahrung sage ich euch: Eines, das trotzdem nicht lange anhalten wird.
Knoll: Umso mehr genießen wir es.
Perdedaj (lacht): Die erste Kohle wandert sowieso erst mal in die Mannschaftskasse.
Morales: Von wegen! Ich habe schon seit Sommer eine eigene Wohnung in Schöneberg. Was das kostet! Da geht man einmal für Tisch und Stühle zu Ikea, schon ist man 150 € los. Oder die Küche: Ich bat meine Mutter, sie solle alles Notwendige besorgen und mit dann die Quittung geben. Sie kaufte Besteck, Gläser – all so’n Kram. Ich dachte, ich spinne: 470 Euro!

Stand für Sie eigentlich in Zweifel, bei Hertha Profi werden zu wollen?
Knoll: Niemals! Hertha ist der Verein, der mir die Chance gegeben hat, als Fußballer Fuß zu fassen. Ich spiele jetzt im siebten Jahr für Hertha, ohne die Ausbildung in dieser Zeit säße ich jetzt nicht hier.
Morales: Ich spiele sogar schon seit elf Jahren, also seit 2000, bei Hertha. Ich kann mir auch gar nichts anderes vorstellen. Ich habe nichts gegen Nürnberg oder Frankfurt - aber Hertha ist für mich ein Lebensgefühl geworden, indem ich all die Jahre jeden Tag von der U-Bahn die Hanns-Braun-Straße hoch gelaufen bin und immer in blau-weißen Trikots gespielt habe.
Burchert: Für jeden von uns gilt: Als wir zu Hertha kamen, waren wir nicht diejenigen, die wir heute sein dürfen. Da wollen wir jetzt etwas zurückgeben.
Perdedaj: Und es ist doch so: Hertha ist der große Verein in Berlin, zu dem jeder will.
Burchert: Das sagt jetzt ausgerechnet der Köpenicker!

Sie, Herr Perdedaj, sind also ein Herthaner aus dem Staatsgebiet des 1.FC Union?
Perdedaj (lacht): Ja, und ich wohne gern da, obwohl ich - solange ich noch keinen Führerschein besitze - oft eine Stunde lang mit der S-Bahn fahren muss.

Werden Sie während der Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr oft angesprochen: Mensch, Sie sind doch dieser Hertha-Profi?
Perdedaj: Angesprochen wird man selten. Aber schon oft angeguckt.

Am Tisch sitzen der Köpenicker Perdedaj, der in Lichtenberg groß wurde, der Hohen-schönhausener Burchert, der Weddinger Morales und der Spandauer Knoll. Was macht für Sie den Reiz von Berlin aus?
Burchert: Am meisten sicherlich, dass einfach immer überall was los ist. Ich habe 18 Jahre in Hohenschönhausen gelebt - und brauchte auch nichts anderes. Charlottenburg kannte ich nur vom Training, an den Kudamm habe ich nicht gedacht. Jetzt lebe ich seit zwei Jahren in Charlottenburg-Wilmersdorf -  jetzt empfinde ich es als komisch, wenn ich mal wieder in Hohenschönhausen bin.
Knoll: Umziehen kommt für mich nicht in Frage! Ich bleibe Spandauer. Da habe ich die Shopping-Arcaden, ein wunderschönes Rathaus und einen überragenden Weihnachtsmarkt, den besten in Berlin.
Morales: Für mich ist Berlin Multikulti. Ich bin mit deutschen und auch vielen ausländischen Freunden aufgewachsen.
Knoll: Ich genauso.
Burchert (lacht): In Hohenschönhausen ist das naturgemäß etwas anders.

Wie gelangt man aus dem Osten der Stadt überhaupt zu Hertha?
Burchert: Das darf ich eigentlich gar nicht erzählen.
Morales: Zier' dich nicht!
Burchert: Na ja, ich war bei einem Schulturnier gesichtet worden, aber für ein Probetraining hatte ich dann nie Zeit, weil ich auf einer Ganztagesschule war. Aber als es dann klappte, habe ich auf Anhieb gespielt, es war mein erstes Spiel aufs Großtor überhaupt, wir verloren gegen St. Pauli 5:6. Ich habe wohl nicht allzu oft gut ausgesehen. Falko Götz, der damals Nachwuchskoordinator war, dachte wohl: Mit dem wird es wohl doch nichts. Aber Ilja Hofstädt, der seit der C-Jugend mein Torwarttrainer war, hat sich zum Glück für mich ausgesprochen. Ihm verdanke ich einiges.

Sie alle sind in einem Alter, in dem Ihre Vorgängergeneration gar nicht schnell genug aus Berlin wegkommen konnte. Heute spielen etwa die Boateng-Brüder in England und Italien. Warum sind Sie anders?
Burchert: Ich weiß nicht, ob sie damals das Geld oder die Perspektive gesehen haben. Vielleicht waren sie auch einfach einen Tick weiter als wir - ich meine von der fußballerischen Qualität her, bestimmt nicht menschlich.
Morales: Natürlich träumt man mal davon, in England oder Spanien zu spielen. Aber wirklich nachgedacht hat darüber von uns noch keiner.

Zu sagen „Hertha forever" - so weit gehen Sie aber nicht, oder?
Morales: Für immer - das ist schon wirklich ein sehr großer Zeitraum.
Burchert: Wobei, wenn alles stimmt, die Umstände, die Perspektiven, die Trainer, dann kann das schon funktionieren. Schließlich ist Berlin die Stadt, in der ich alles habe, was mir wichtig ist, meine Familie, meine Freunde.
Knoll: Aber du weißt doch auch, wie schnelllebig der Fußball ist.
Burchert: Na klar. Allein ich erlebe in meinem dritten Jahr als Profi schon meinen dritten Trainer.

Kurzfristig könnte es ein schönes Ziel sein, sich mit dem Aufstieg in der Historie des Clubs zu verewigen.
Perdedaj: Ein schönes Ziel, kein Zweifel. Aber der Weg bis dahin ist noch sehr weit!
Burchert: Trotzdem wollen wir am 15. Mai natürlich aufgestiegen sein, ist doch klar.

Das Gespräch moderierte Daniel Stolpe

 

Steckbriefe

•   Sascha Burchert - Geboren: 30. Oktober 1989 in Berlin. Position: Torwart. Profidebüt: 17. September  2009.

   Marvin Knoll - Geboren: 5. Februar 1990 in Berlin. Position: Mittelfeld. Profidebüt: 5. Dezember 2010.

   Alfredo Morales - Geboren:12. Mai 1990 in Berlin. Position: Abwehr. Profidebüt: 5. Dezember 2010

   Fanol Perdedaj – Geboren: 16. Juli 1991 in Gjakova/Kosovo. Position: Mittelfeld. Profidebüt: 14. August 2010

 

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