Hertha-Internat - ein Mann mit Erfahrung ...


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Heft  November 2005
Ein Mann mit Erfahrung


Andreas Kloke

WIR HERTHANER: Herr Kloke, was macht ein Lehrer in einem Fußballverein?
Kloke: Er hilft bei den Hausaufgaben, organisiert Nachhilfe, spricht mit Lehrern, Eltern, Schülern, Trainern, nimmt an Elternabenden teil.  Daneben gehört die Betreuung und Fortentwicklung unserer Schulkooperation mit der Poelchau- Schule zu meinen Aufgaben. Zur Zeit etwas kümmere ich mich um die Ausgestaltung des Leistungskurses Sport, den die Oberstufenschüler der Poelchau- Sportoberschule, was den praktischen Anteil angeht, im Rahmen unseres Schultrainings absolvieren können. Demnächst stehen Informationsabende für Eltern angehender Sportschüler an usw.  Im Frühjahr nehmen Beratungen von Jugendspielern, die aus anderen Bundesländern zu uns kommen, einen großen Raum ein. Durch den Föderalismus im Bildungsbereich kommt es nicht nur zu unterschiedlichen Anforderungen, sondern zu unterschiedlichen Fremdsprachenfolgen, ja ganz unterschiedlichen Unterrichtsfächern. Alles das muss schulrechtlich und inhaltlich abgeglichen werden.

WIR HERTHANER: Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Kloke: Nach der WM 1998 erteilte der DFB den Jugendleistungszentren der Bundesligavereine verschiedene Auflagen. Eine davon war, sich um die Schulausbildung der Jugendlichen intensiver zu kümmern und Schulkooperationen einzugehen. So kam es, dass ich mit Falko Götz, der damals Koordinator der Jugendabteilung war, durch die Berliner Schulen gezogen bin und Gespräche geführt habe. Ich glaube, dieser Einblick in unsere Schulrealität war auch für Falko Götz eine interessante Erfahrung. 
WIR HERTHANER: Das Präsidium hat sich auf  Ihren Vorschlag hin für die Poelchau- Sportoberschule entschieden. Wie ist die Zusammenarbeit mit der Kooperationsschule heute nach fünfjähriger Zusammenarbeit?
Kloke: Das große Plus der Poelchau- Oberschule, das wurde schnell klar und hat sich immer wieder bestätigt, ist die große Erfahrung mit unterschiedlichen Schülern und jungen Sportlern sowie die große Bereitschaft des Kollegiums zur Zusammenarbeit. Dagegen wogen die Bedenken, die es in der Öffentlichkeit gegenüber Gesamtschulen gibt, geringer, zumal es für uns von der Schulform her keine Alternative zur Gesamtschule gibt. Unser Internat und unsere Mannschaften stehen nun einmal nicht nur Gymnasialschülern offen. Was den Ruf angeht, so zahlt sich das langjährige Bemühen der Schule und ihres Schulleiters Herrn Barney um pädagogische Verbesserungen jetzt aus: Wir können alle Schüler mit Gymnasialempfehlung in Klassen betreuen, die fast ausschließlich aus Gymnasialschülern bestehen, also normalen 7. Klassen an Gymnasien entsprechen. Die Zufriedenheit der Jugendlichen und Eltern, auch der Eltern, die uns  einmal kritisch gegenüberstanden, ist in den von uns betreuten Klassen inzwischen hoch. Mehrere unserer Spieler haben in den letzten Jahren ihr Abitur an der Poelchau- Oberschule abgelegt. Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten (mittlerer Bildungsabschluss) unserer F- Schüler entsprechen denen der Gymnasien. 
WIR HERTHANER: Keine Schulprobleme also?
Kloke: Doch. Die Schule und die Schüler  haben die Probleme, mit denen alle Schulen heute kämpfen. Ein aktuelles Problem ist zum Beispiel der Rückstau, der in den oberen Klassen durch den Lehrstellenmangel entsteht. Die Schüler wollen solange wie möglich in der Schule bleiben, weil es im Ausbildungsbereich kaum Alternativen gibt. Dadurch sind die 10. und 11.  Klassen oft zu voll, das Arbeiten wird erschwert, die Unterrichtssituation in diesen Klassen ist oft zu unruhig. Ein weiteres allgemeines Problem ist, dass eine Großstadt wie Berlin für einen Jugendlichen manchmal wie ein Dschungel ist. Die Gefahr in diesem Dschungel ist die Ablenkung. Die gleiche Gefahr lauert übrigens auch in der Flut von Unterhaltungsmedien, der sich die Jugendlichen oft nicht entziehen können. Konzentration auf die Ziele, sich Zeit nehmen für schulische Arbeit, ist aber ein Muss für jeden Jugendlichen. Dies gilt erst recht für einen Jugendlichen, der neben der Schule noch sehr viel Zeit aufwendet für seinen Sport. 

WIR HERTHANER: Also immer nur Arbeit für die Jungs?
Kloke: Keineswegs. Es bleibt Raum für Freizeit – nur nicht an jedem Tag. Drei bis vier Wochentage sind voll, wobei auch zu bedenken ist, dass Fußball,so ernsthaft er auch betrieben wird, immer noch Hobby und Spaß, also Freizeit, sein soll.  Wir planen, in Zukunft mit den Mannschaften verstärkt Gruppenveranstaltungen durchzuführen. Für unsere Internatsspieler haben wir dies an Ferientagen und Abenden bereits einige Male durchgeführt. In den letzten Herbstferien hat Herr Ramin, der Internatsleiter, zum Beispiel eine Stadtrallye organisiert.
WIR HERTHANER: Welchen Raum nimmt der Bereich Ausbildung in Ihrer Arbeit ein?
Kloke: Es geht hierbei hauptsächlich um Berufsorientierung, Beratung bei der Bewerbung usw.. Abgesehen davon, dass es immer weniger Ausbildungsplätze im dualen Bereich gibt, eignen sich diese Stellen oft nicht für Leistungssportler. Einer Verkäuferin in einem Kaufhaus, die Mutter von zwei Kindern ist,  kann man nicht erklären, warum ein 17- jähriger Azubi jeden Nachmittag um 16.00 Uhr Feierabend haben soll und sonnabends nie da ist, weil er Fußball spielen muss. 


Poelchau-Oberschüler bei den Hausaufgaben im Internat

Die Lösung für unsere Jugendlichen liegt in den schulischen Ausbildungsplätzen, die mehr und mehr angeboten werden. MDQM- Lehrgänge und Assistentenausbildungen an Berufsfachschulen gibt es in vielen Berufen und lassen sich besser mit den sportlichen Anforderungen vereinbaren. Im Übrigen bietet Hertha BSC jedes Jahr dem ein oder anderen von uns empfohlenen Jugendspieler einen Ausbildungsplatz in unserer Geschäftsstelle an. Dort werden diese in den täglichen Abläufen vorbildlich durch Herrn Kübler und sein Team betreut.
WIR HERTHANER: Was, glauben Sie, prädestiniert Sie für diese Arbeit bei Hertha BSC?
Kloke: Meine Vorerfahrungen helfen mir sehr. Von der Lehrerseite her kenne ich als Sport-, Deutsch- und Englischlehrer alle Schulformen von der Grundschule über die Berufsschule bis zur Abiturprüfung. Zudem habe ich einige Jahre lang ein Jungeninternat geleitet, was den Blick in allgemein pädagogischer Hinsicht öffnet. 
WIR HERTHANER: Was kann noch besser werden?
Kloke: Die Hertha BSC- Fußballakademie ist nicht nur im Sportlichen  eine der  führenden Nachwuchsabteilungen in der Bundesliga. Trotzdem lohnt sich der Blick ins Ausland umsehen und an den Spitzenleistungen dort orientieren.  Dort wird teilweise mehr Aufwand betrieben, weil man Jugendarbeit dort noch mehr als Investition sieht, denn als Kostenverursacher. Wir haben oben von einem Medien- und Großstadt- Dschungel gesprochen. Es wäre wünschenswert, alle baulichen Projekte fertig stellen zu können. Nebenm den im Verein im Mittelpunkt stehenden, vorhandenen Einrichtungen wie Trainingsplätze, Internat, Geschäftsstelle würden so auch zusätzliche Aufenthaltsplätze zur Verfügung stehen. Hier könnten bei Bedarf auch die Jugendlichen, die nicht im Internat wohnen, zwischen Schule und Training betreut werden. Man verbringt Zeit miteinander, das Essen wäre geregelt, und es gäbe weniger Zeitverlust durch Fahrwege für schulische Arbeiten.

  Presseschau 

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