Mehr als ein goldener Jahrgang ...


vom 21. September 2006

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Mehr als nur ein goldener Jahrgang

Hertha BSC sorgt nicht nur als Tabellenführer der Bundesliga für Aufsehen: 
Auch die Nachwuchsarbeit des Clubserreicht in Deutschland Spitzenwerte

Berlin - Die Flanke zu dem Tor, das Hertha BSC am Sonntagabend an die Spitze der Bundesliga verhalf, kam von rechts, und doch von viel weiter her als von der Kreidelinie am Spielfeldrand. Kevin Boateng war der Lieferant des Balles, und dass der Szene etwas Exemplarisches anhängt, liegt daran, dass der 19-Jährige ein Absolvent von Herthas Nachwuchsakademie ist. Sie galt auf nationaler Ebene schon als Spitze, als bei Hertha BSC noch niemand ahnte, dass die Profis die Tabellenführung übernehmen könnten.
15 Spieler aus der eigenen Ausbildung haben in den vergangenen sechs Jahren im Erstliga-Team debütiert - das ist ebenso Branchenrekord wie die 34 Spieler, die Hertha allein in der vorigen Saison in die Nachwuchsmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) entsandte. Erst vorige Woche lud der DFB wieder neun Spieler zu Jugendlehrgängen ein. Es füge sich "immer mal wieder", dass ein Klub einen goldenen Jahrgang habe, sagt DFB-Trainer Bernd Stöber. "Doch eine solche Ansammlung an Talenten bei einem einzigen Verein wie zuletzt bei Hertha BSC haben wir selten gesehen."

Nur die Bayern bezahlen mehr
Stöber führt das ebenso auf die Arbeit der fünf hauptamtlichen Nachwuchstrainer zurück wie auf die Struktur der Abteilung unter Leitung von Frank Vogel, auf das exzellente Scouting und auf die Olympiaparkanlage mit seinen "nahezu perfekten Bedingungen". 18 Jugendliche leben im vereinseigenen Internat, jahrgangsweise sind 200 Spieler von der U 7 bis zur U 23 in rund einen Dutzend Mannschaften zusammengefasst. Die Kooperation mit einem Charlottenburger Sportgymnasium erlaubt es 50 Hertha-Teenagern, auch vormittags zu üben; von der C-Jugend an (13 bis 15 Jahre) können die Jugendlichen so sechs bis acht Trainingseinheiten wöchentlich absolvieren. "Wir haben ein großes Talentpotenzial zusammengezogen. Aber ich denke auch, dass wir es geschafft haben, dieses Potenzial bis in den Männerbereich hinein weiterzuentwickeln", sagt Vogel. Und um Letzteres geht es vor allem.
Mehr als vier Millionen Euro lässt sich der Verein seine Talentschmiede kosten, nur der FC Bayern München wendet mehr Geld auf für seinen Nachwuchs. "Das Ziel ist, Spieler für das internationale Fußballniveau auszubilden", sagt Vogel; der Verein unternahm deshalb zuletzt verstärkt Wettkampfreisen ins Ausland. Von neun Spielen gegen Nach wuchsteams der englischen Premier League haben die Berliner Junioren vier gewonnen, nur zwei verloren. 

 "Vielleicht bringt er dadurch mehr Vertrauen in Nachwuchsspieler mit", glaubt Stöber. Götz pflegt auch die Patenschaftsprojekte, jeder Internatsbewohner hat einen Tutor aus dem Profikader. "Ich weiß von meiner Zeit bei Ajax Amsterdam, wie wichtig es ist, einen gestandenen Profi an der Seite zu haben", sagt Dick van Burik, der Kapitän der A-Mannschaft.

Nicht alle angehenden Akademiker schaffen den Sprung bei Hertha. Manchen fehlt der Biss, manchen steigt das Wissen um die eigene Begabung und die damit verbundenen Privilegien zu Kopf. Die normale Welt der Gleichaltrigen muss den Jugendlichen erst vor Augen geführt werden, neulich waren die Jungprofis bei Lehrlingen eines Autobauers zu Besuch. Auch wegen Schlagzeilen über Eskapaden legt man verstärkt Wert auf Charakterschulung. Unlängst besuchten die Talente das Theaterstück Garuma, das vom Aufstieg und Fall eines Fußballstars erzählt, angelehnt an die Biografie das tragisch verstorbenen Brasilianers Garrincha. Die Verlockungen der Berliner Partyszene ereilen die Nachwuchsspieler früh - so früh, dass sie "nur selten reif dafür" sind, sagt Vogel.

"Wir irren uns - aber selten"
Natürlich bringt der Nachwuchsbetrieb auch Enttäuschte hervor. "Wenn ein Spieler zwei bis drei Jahre im Männerbereich war und es dann nicht geschafft hat, wird er sich zu anderen Vereinen verändern", sagt Vogel. Alexander Ludwig etwa, eines der herausragenden Talente, scheint erst in der Regionalliga bei Dynamo Dresden wieder voranzukommen. Die meisten, denen Hertha den großen Sprung nicht zutraut, schaffen es auch anderswo nicht. "Wir irren uns- aber selten", sagt Vogel. Oliver Schröder, heute beim VfL Bochum, ist so ein Fall. Er war drei Jahre bei Hertha, von der D- bis zur älteren C-Jugend, wurde wegen körperlicher Schwächen weggeschickt, kam nach drei Jahren zur A-Jugend zurück und schaffte den Sprung in Herthas erste Mannschaft erst über eine Ausleihe zum damaligen Zweitligisten 1. FC Köln. In diesem Sommer wechselte Linksverteidiger Pascal Bieler zu Rot-Weiß Essen. 1999 in die C-Jugend gekommen, hatte er zuletzt zwei Jahre in der Regionalliga gespielt und wäre nun ins Profiteam gerückt. Dort sah er aber in Malik Fathi, Gilberto und Denis Cagara gleich drei Rivalen vor sich. In Essen spielt er nun, mit Erfolg: "Für mich war es richtig, erst einmal in die zweite Liga zu gehen", sagt er. Um sich so den Weg zurück zu ebnen. In zwei Jahren, sagt Cheftrainer Götz, werde Hertha dank seines Nachwuchses ein Spitzenteam haben. Javier Cdceres

Absolvent der Hertha-Akademie: Kevin Boateng

"Spielerisch haben wir überzeugen können", sagt Vogel und es klingt, als sei ihm dies wichtiger als der Gewinn deutscher Jugendmeisterschaften. Die seien als Beleg für gute Arbeit zwar willkommen, wichtiger aber sei, eine Spielphilosophie zu vermitteln, die Hertha eine eigene Identität verschafft: "Es gibt dabei kein Dogma, sondern nur Eckdaten", sagt Vogel, "wir wollen offensiven, geordneten, frechen Fußball, der so ist wie die Berliner Mentalität - selbstbewusst und keck." Für das Training heißt das, dass Ballorientierung und Kreativität im Vordergrund stehen, dass mit hohem Tempo und wenigen Ballkontakten gespielt wird, dass der Mut gefördert wird, Eins-gegen-Eins-Situationen offensiv zu lösen.Zehn Berliner stehen im Profikader, mehr Eingeborene hat kein anderer Erstligist in seiner ersten Auswahl. Mit Malik Fathi kann die Nachwuchsakademie den ersten Nationalspieler vorweisen, Alexander Madlung wäre fast der zweite geworden. Er spielt mittlerweile beim VfL Wolfsburg, wurde aber ebenfalls bei Hertha angelernt. Denkbar wurde das nur, weil der Weg ins Profiteam offen steht, "dort kennen und schätzen sie die Qualität des Nachwuchses", sagt Vogel. Ein wenig wurden die Berliner freilich zu ihrem Glück gezwungen. Bei inzwischen fast 50 Millionen Euro Schulden war es unumgänglich, auf die eigene Jugend zu setzen statt auf den Kauf teurer Stars.Doch wurde die Jugendförderung bereits vor dem Ausbruch der Finanzkrise forciert. Man müsse seine Sebastian Deislers selbst fabrizieren, war die Devise von Manager Dieter Hoeneß, nachdem er einst das Wettbieten um das Talent aus Lörrach nur mittels einer Irrsinnssumme gewonnen hatte.  Den Auftrag, das Konzept zu erarbeiten, erhielt Falko Götz; der heutige Cheftrainer war der erste Leiter der Akademie. 

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