Gegen Fußball hat keiner eine Chance  


v. 9. Januar 1997

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Gegen Fußball hat keiner eine Chance

Die Poelchau-Oberschule in Charlottenburg 
wirbt für die Einrichtung zweier Sportklassen


VON CHRISTIAN OMERZU

BERLIN. Ein Segelflugzeug in der Poel­chau-Oberschule? In der Halle der Charlottenburger Gesamtschule wirkt der mit 15 Meter Spannweite ohnehin beeindruckend große Flieger noch viel größer. Vorsichtig steigt der zwölfjährige Paul Schiwek ins Cockpit des 25 000 Mark teuren Fluggerätes, läßt sich von Fluglehrer Thomas Böttcher die Instrumententafel erklären. Trotz einer spürbaren Unsicherheit ob der ungewohnten Sitzposition ist sich Paul ganz sicher: „ Im August gehe ich auf diese Schule und mache Sport." Segelfliegen?" „Nein, Ringen", antwortet Paul und verschwindet in der Menge.
Segelfliegen und Ringen sind nur zwei Sportarten, die an der Poelchau-Oberschule ab 4. August von zwei 7. Sportklassen ausgeübt werden können. Um für die Einrichtung ihres sportbetonten Zuges zu werben, ver­anstaltete die Gesamtschule einen Tag der offenen Tür. Dort stellten Vereine und Ver­bände, die dieses neue Modell unterstützen, sich und ihre Sportarten vor. Eltern hatten Gelegenheit, sich ein Bild davon zu machen, was ihre sportbegeisterten Sprößlinge im neuen Schuljahr erwarten wird.
„Ein gute Sache", lobt Uwe Kern aus Reinickendorf das neue Modell. Er ist sich jetzt schon sicher, daß er seine Tochter Mareike im nächsten Jahr hier anmelden wird: „Für Leichtathletik, Langstreckenlauf." Ob dann die Leichtathletik im Angebot sein wird, bleibt abzuwarten. „Wir bieten zunächst einmal die vier Sportarten an, die am häufigsten von den Schülern gewählt werden", erläutert Schulleier Rüdiger Barney das Konzept. Und da führt Fußball im Moment mit rund 50 Anmeldungen klar die Hitliste an. Auch für den zwölfjährigen Jens Nickel gibt's nur eins: Fußball. Immerhin spiele er schon seit acht Jahren im Verein.
Eine erste Zwischenbilanz des Schulleiters zeigt: Neben Fußball liegen momentan Schwimmen, Ringen, Leichtathletik und Hockey gut im Rennen. Bei Radsport, Rudern und Basketball darf's noch ein bisschen mehr sein. Daß die notwendige Zahl von knapp 60 Anmeldungen für die zwei Schulklassen erreicht werden wird, daran zweifelt Barney nicht mehr. „Der Tag der offenen Tür war 

SEGELFLUGZEUG STATT SCHULBUCH. 
Eine erste Gratislektion im Segelfliegen bekommt der zwölfjährige Paul Schiwek von Fluglehrer Thomas Böttcher

bombig", freute sich der Schulleiter überrund 400 Besucher. „Allein an diesem Tag hatten wir ad hoc 30 Anmeldungen für das kommende Schuljahr."
Daß sich viele Kids ausgerechnet für Fußball entscheiden, kommt für die Vertreter der unterstützenden Vereine und Verbände nicht überraschend. „Gegen Fußball haben wir keine Chance", sagt der Leitende Landestrainer im Radsportbund, Bohumil Pavlicek. Und auch Norbert Kühne, Verbandstrainer im Landesruderverband, schätzt die Chancen für Rudern eher schlecht ein: „Rudern ist nicht populär, denn dort fehlt das schnelle Erfolgserlebnis". Gleiches gilt auch fürs Segelfliegen. Vor dem ersten Flug, der erst mit 14 Jahren erlaubt ist, müßten zwei Jahre vorfliegerische Ausbildung absolviert werden.
Doch egal ob Basketball, Fußball oder Wasserball. Trotz der intensiven Förderung des Sportnachwuchses sollen im Zweifelsfall Biologie, Englisch oder Mathematik Vorrang haben. „Die schulische Ausbildung hat auf jeden Fall Priorität", stellt der Schulleiter zweifelsfrei fest. Unter dieser Voraussetzung unterstützt auch Englischlehrerin Ursula Henking das neue Konzept. „Hervorragend! Durch den Sport lernen die Schüler Disziplin, Ausdauer und Pünktlichkeit. Alles das kommt dann in die Schule zurück." Sollte sich das neue Konzept bewähren, stünden Eltern und ihre Kinder nicht mehr vor der Entscheidung: Schule oder Sport. 

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