Chance auch für Anfänger ...    


aus:    vom 16.November 2000

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Premiere im Westen von Berlin mit einer milden Form des Leistungsprinzips

Die Poelchau-Schule gibt auch Anfängern eine Chance

BERLIN. Ein schlechter Ruf und anhaltender Streit können für den Sport durchaus von Vorteil sein - auch wenn eine Schule wie die Poelchau-Oberschule in Berlin darunter leidet. Die Gesamtschule aus dem Bezirk Charlottenburg hat sich, von mangelndem Zulauf geplagt, engagiert dem Sport zugewandt. In diesem Jahr hat der Berliner Senat sie zur ersten sportbetonten Schule im Westen der Stadt befördert; neben den drei früheren Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) im Osten. Zum nächsten Schuljahr wird sie mit einer gymnasialen Oberstufe aufgewertet werden. In der Konkurrenz der Bildungseinrichtungen kann sich die Poelchau‑Schule zu den Gewinnern zählen, weil sie Schülerinnen und Schülern auf dem Weg zum Abitur das Siegen ermöglichen will.
Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutsches Sportbundes, nannte die Idee der sportbetonten Schulen in seiner Olympiabilanz am Dienstag ausdrücklich „zeitgemäß". Der Funktionär will für dieses Modell der Elite-Förderung - „ohne den ideologischen Ballast der DDR" - bei den Kultusministern der Länder „leidenschaftlich kämpfen".
„Wir mußten damals eher betteln, als daß wir einen Ansturm erlebten", erzählt Rüdiger Barney, der vor fünf Jahren die Leitung der Poelchau‑Schule übernommen hat. Vereine waren eher dazu bereit, die täglich zwei Stunden Sportangebot umzusetzen, als die Verbände. Fußball entwickelte unter der Zusammenarbeit mit Tennis Borussia die größte Anziehungskraft, Segelfliegen erregte die größte Aufmerksamkeit. Als 1997 die ersten Sportschüler in die siebente Klasse aufgenommen wurden - in Berlin dauert die Grundschule sechs Jahre -, hatten sich um achtzehn Plätze 250 junge Kicker beworben. Nach vier Jahren täglichem Training hat der erste Jahrgang nun die zehnte Klasse erreicht. Der Arbeitsgemeinschaft Segelfliegen ist zwar die Luft ausgegangen. Drei Sportklassen aber füllen sich jedes Jahr.
„Wir würden uns freuen, wenn viele dem Beispiel folgen würden", lobt Peter Schwarz, der Referent für Leistungssport beim Landessportbund Berlin. Er will glauben machen, daß es die Sportbegeisterung des Kollegiums war, die die Schule auf den Weg gebracht hat. Dabei haben Barney und seine 68 Kolleginnen und Kollegen sich auch mit Kalkül auf Sport verlegt. Bereits 1995 nämlich hatten die in Berlin regierenden CDU und SPD vereinbart, auch im Westen der Stadt eine sportorientierte Schule einzurichten. „Wir wußten", sagt Barney über einen Traum von Sport und Politik, „daß diese Sportschule im Olympiastadion nicht kommen würde." Statt einer unbezahlbaren Neugründung in den historischen Mauern bot sich die Poelchau‑Schule als buchstäblich naheliegende und preiswertere Lösung an.
Das Gebäude aus den siebziger Jahren enthält zwei große, zu drittelnde Hallen, in denen neben dem Sportunterricht Tischtennis und Volleyball trainiert werden; die Schule hat einen Kunstrasenplatz sowie Courts für Basketball und Tennis. Zu Fuß ist das Leichtathletikstadion im Volkspark Jungfernheide zu erreichen. Im Leistungszentrum Rudern am Hohenzollern-

kanal ist man mit dem Rad in wenigen Minuten. Der Bezirk Charlottenburg spendiert für mehr als 200 000 Mark im Jahr den täglichen Transport mit Kleinbussen zum Schwimmtraining im Olympiastation, in Leichtathletik- und Hockeyhalle, zum Basketballtraining und zu Tennis Borussia.
Einen Teil der Trainerhonorare übernimmt nun der Landessportbund. Dafür stellt er Bedingungen für zwei der sechs Klassen. „Die Eingangsbedingungen werden schärfer sein", kündigt Schwarz an. Plätze in den Eliteklassen werden ausschließlich auf Empfehlung der Fachverbände vergeben. Dafür kann in der gymnasialen Oberstufe das zweijährige Kurssystem auf drei Jahre gestreckt werden, damit es sich mit dem Hochleistungstraining verträgt.
Doch nach wie vor haben auch sportliche Anfänger auf der Poelchau‑Schule Gelegenheit. in täglichem Training eine Sportart erst einmal kennenzulernen –„gehobene Freizeitsportler", sagt Schwarz. Mit den Profis im Trainerjob kam auch Volker Frischke für den Schwimmnachwuchs. Er war im ersten Prozeß wegen Dopings in der DDR der Körperverletzung angeklagt; sein Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt. „Wir sehen darin kein Problem", sagt Barney. „Die Elternversammlung hatte keine Vorbehalte." Frischke ist Vereinstrainer in Spandau. Womöglich kehrt mit den höheren Anforderungen ein, was Rektor Barney an den einstigen KJS beeindruckt: „Wie diszipliniert und gesittet es da zugeht!" Er habe sportlicheres Verhalten, Rücksicht auf- und Einsatz füreinander beobachtet. Wie zur Bestätigung sagt Leistungssportexperte Schwarz: „Nach unserer Erfahrung sind Schüler, die sehr gut im Sport sind, auch sehr gut in der Schule."
Schwarz und Barney sind dennoch davon überzeugt, daß die Sportschule im Westen anders sein wird als die im Osten. „Das hat nichts mit Politik zu tun", sagt Schwarz, der früher für den Deutschen Turn‑ und Sportbund der DDR arbeitete. „Im Osten waren die Schulen vollständig besetzt mit Leistungssportlern. Hier beginnen wir neu." 
Barney, Lehrer für Mathematik und Erdkunde, empfindet das als Chance. Viele Eltern im Westen hätten Vorbehalte, ihre Kinder in den nicht nur räumlich weit entfernten Osten zu schicken. „Wir wollen hier nicht viel anders machen als die drei Schulen im Osten von Berlin", sagt er, „vielleicht eine mildere Auslegung des Leistungssports." Aussteiger sollen auf der Schule gehalten, Quereinstiege ermöglicht werden.
Die Vorstellung, das sportliche Angebot aufrechtzuerhalten, ohne spitzensportlichen Anspruch gegenüber den Schülern zu erheben, hält Barney nicht für realisierbar. Sporttreiben ohne das Ziel, gute Ergebnisse zu erzielen, ist kaum zu finanzieren. „Wenn der Senatsbeschluß nicht gekommen wäre", sagt der Rektor, „wäre es schwer gewesen, dieses Modell am Leben zu halten."                 MICHAEL REINSCH

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