|
BERLIN.
Ein schlechter Ruf und anhaltender Streit können für den Sport
durchaus von Vorteil sein - auch wenn eine Schule wie die Poelchau-Oberschule
in Berlin darunter leidet. Die Gesamtschule aus dem Bezirk
Charlottenburg hat sich, von mangelndem Zulauf geplagt, engagiert dem
Sport zugewandt. In diesem Jahr hat
der Berliner Senat sie
zur ersten sportbetonten Schule im Westen der Stadt befördert; neben
den drei früheren Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) im Osten. Zum nächsten
Schuljahr wird sie mit einer gymnasialen Oberstufe aufgewertet werden.
In der Konkurrenz der Bildungseinrichtungen kann sich die
Poelchau‑Schule zu den Gewinnern zählen, weil sie Schülerinnen
und Schülern auf dem Weg zum Abitur das Siegen ermöglichen will.
Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutsches Sportbundes, nannte
die Idee der sportbetonten Schulen in seiner Olympiabilanz am Dienstag
ausdrücklich „zeitgemäß". Der Funktionär will für dieses
Modell der Elite-Förderung - „ohne den ideologischen Ballast der
DDR" - bei den Kultusministern der Länder „leidenschaftlich kämpfen".
„Wir mußten damals eher betteln, als daß wir einen Ansturm
erlebten", erzählt Rüdiger Barney, der vor fünf Jahren die
Leitung der Poelchau‑Schule übernommen hat. Vereine waren eher
dazu bereit, die täglich zwei Stunden Sportangebot umzusetzen, als die
Verbände. Fußball entwickelte unter der Zusammenarbeit mit Tennis
Borussia die größte Anziehungskraft, Segelfliegen erregte die größte
Aufmerksamkeit. Als 1997 die ersten Sportschüler in die siebente Klasse
aufgenommen wurden - in Berlin dauert die Grundschule sechs Jahre -,
hatten sich um achtzehn Plätze 250 junge Kicker beworben. Nach vier
Jahren täglichem Training hat der erste Jahrgang nun die zehnte Klasse
erreicht. Der Arbeitsgemeinschaft Segelfliegen ist zwar die Luft
ausgegangen. Drei Sportklassen aber füllen sich jedes Jahr.
„Wir würden uns freuen,
wenn viele dem Beispiel folgen würden", lobt Peter Schwarz, der
Referent für Leistungssport beim Landessportbund Berlin. Er will
glauben machen, daß es die Sportbegeisterung des Kollegiums war, die
die Schule auf den Weg gebracht hat. Dabei haben Barney und seine 68
Kolleginnen und Kollegen sich auch mit Kalkül auf Sport verlegt.
Bereits 1995 nämlich hatten die in Berlin regierenden CDU und SPD
vereinbart, auch im Westen der Stadt eine sportorientierte Schule
einzurichten. „Wir wußten", sagt Barney über einen Traum von
Sport und Politik, „daß diese Sportschule im Olympiastadion nicht
kommen würde." Statt einer unbezahlbaren Neugründung in den
historischen Mauern bot sich die Poelchau‑Schule als buchstäblich
naheliegende und preiswertere Lösung an.
Das
Gebäude aus den siebziger Jahren enthält zwei große, zu drittelnde
Hallen, in denen neben dem Sportunterricht Tischtennis und Volleyball
trainiert werden; die Schule hat einen Kunstrasenplatz sowie Courts für
Basketball und Tennis. Zu Fuß ist das Leichtathletikstadion im
Volkspark Jungfernheide zu erreichen. Im Leistungszentrum Rudern am Hohenzollern- |
kanal
ist man mit dem Rad in wenigen Minuten. Der Bezirk Charlottenburg
spendiert für mehr als 200 000 Mark im Jahr den täglichen Transport
mit Kleinbussen zum Schwimmtraining im Olympiastation, in
Leichtathletik- und Hockeyhalle, zum Basketballtraining und zu Tennis
Borussia.
Einen Teil der Trainerhonorare übernimmt nun der Landessportbund. Dafür
stellt er Bedingungen für zwei der sechs Klassen. „Die
Eingangsbedingungen werden schärfer sein", kündigt Schwarz an. Plätze
in den Eliteklassen werden ausschließlich auf Empfehlung der Fachverbände
vergeben. Dafür kann in der gymnasialen Oberstufe das zweijährige
Kurssystem auf drei Jahre gestreckt werden, damit es sich mit dem
Hochleistungstraining verträgt.
Doch nach wie vor haben auch sportliche Anfänger auf der
Poelchau‑Schule Gelegenheit. in täglichem Training eine Sportart
erst einmal kennenzulernen –„gehobene Freizeitsportler", sagt
Schwarz. Mit den Profis im Trainerjob kam auch Volker Frischke für den
Schwimmnachwuchs. Er war im ersten Prozeß wegen Dopings in der DDR der
Körperverletzung angeklagt; sein Verfahren wurde gegen Zahlung einer
Geldbuße eingestellt. „Wir sehen darin kein Problem", sagt
Barney. „Die Elternversammlung hatte keine Vorbehalte." Frischke
ist Vereinstrainer in Spandau. Womöglich kehrt mit den höheren
Anforderungen ein, was Rektor Barney an den einstigen KJS beeindruckt:
„Wie diszipliniert und gesittet es da zugeht!" Er habe
sportlicheres Verhalten, Rücksicht auf- und Einsatz füreinander
beobachtet. Wie zur Bestätigung sagt Leistungssportexperte Schwarz:
„Nach unserer Erfahrung sind Schüler, die sehr gut im Sport sind,
auch sehr gut in der Schule."
Schwarz und Barney sind dennoch davon überzeugt, daß die Sportschule
im Westen anders sein wird als die im Osten. „Das hat nichts mit
Politik zu tun", sagt Schwarz, der früher für den Deutschen
Turn‑ und Sportbund der DDR arbeitete. „Im Osten waren die
Schulen vollständig besetzt mit Leistungssportlern. Hier beginnen wir
neu."
Barney, Lehrer für Mathematik und Erdkunde, empfindet das als Chance.
Viele Eltern im Westen hätten Vorbehalte, ihre Kinder in den nicht nur
räumlich weit entfernten Osten zu schicken. „Wir wollen hier nicht
viel anders machen als die drei Schulen im Osten von Berlin", sagt
er, „vielleicht eine mildere Auslegung des Leistungssports."
Aussteiger sollen auf der Schule gehalten, Quereinstiege ermöglicht
werden.
Die
Vorstellung, das sportliche Angebot aufrechtzuerhalten, ohne
spitzensportlichen Anspruch gegenüber den Schülern zu erheben, hält
Barney nicht für realisierbar. Sporttreiben ohne das Ziel, gute
Ergebnisse zu erzielen, ist kaum zu finanzieren. „Wenn der
Senatsbeschluß nicht gekommen wäre", sagt der Rektor, „wäre es
schwer gewesen, dieses Modell am Leben zu halten."
MICHAEL REINSCH
|