Fehler im System?

aus: vom  24. November 2008

Interview der Woche:
"Da muss ein Fehler im System sein!"


Mit Borussia Dortmund gewann er 1997 die Champions League, mit der DFB-Auswahl 1996 die Europameisterschaft. Als seinen wichtigsten Titel aber bezeichnet Matthias Sammer (41) den Gewinn der U 18-EM mit der DDR-Auswahl. Schon als 17-Jähriger spielte er für Dynamo Dresden in der DDR-Oberliga, ehe er nach der Wende im Sommer 1990 zum VfB Stuttgart in die Bundesliga wechselte. Wegen einer langwierigen Knieverletzung musste Europas Fußballer des Jahres 1996 als 31-Jähriger 1998 seine Laufbahn beenden. 2000 begann seine Trainerkarriere beim BVB, mit dem er 2002 Deutscher Meister wurde. Am 1. April 2006 übernahm Sammer den Posten des DFB-Sportdirektors: In der vergangenen Woche weilte Sammer in Berlin, wo er bei der Ernennung der Poelchau-Oberschule zur "Eliteschule des Fußballs" dabei war und sich natürlich auch das Länderspiel gegen England ansah.

FuWo: Herr Sammer, was sagen Sie zur Leistung der deutschen Elf?
Matthias Sammer: "Wir waren nette Gastgeber. Naja, vielleicht lag es ja am englischen Wetter, dass das Spiel nicht so lief.  Zwei Mannschaften waren auf dem Platz, aber nur eine hat am Spiel teilgenommen."

Wenn Sie auf das Länderspieljahr zurückblicken: Wie fällt lhre Bilanz aus?
Sammer: "Der letzte Eindruck bleibt natürlich ein bisschen haften. Auch durch die Unruhen in den letzten Wochen gab es eine Delle. Und ein Problem im deutschen Fußball ist, dass wir keine Typen haben. Schauen Sie sich den Engländer John Terry an, was der am Mittwoch ausgestrahlt hat. So einen hätte ich auch gern."

FuWo: Sie haben sich in einem Interview lobend über die Nachwuchsarbeit in den Niederlanden geäußert. Was kann Deutschland von Holland lernen?
Sammer: "Deutschland hat 80 Mio. Einwohner, die Niederlande 17. Aber in den europäischen Topligen spielen wesentlich mehr holländische Spieler als deutsche. Dass kann ja nicht nur am Käse liegen. Da muss bei uns ein Fehler im System sein. Mitentscheidend ist die Trainerausbildung, da sind uns die Holländer voraus. Überhaupt hat in anderen Nationen der Trainer einen höheren Stellenwert als bei uns. Der Trainer sollte das stärkste Glied in der Kette sein, und nicht - wie es bei uns immer gesagt wird - das schwächste. Wer langfristig arbeiten kann, hat mehr Erfolg."

FuWo: Mit der Poelchau-Oberschule hat die  Schule das Zertifikat "Eliteschule des Fußballs" erhalten. Wie wichtig sind diese Einrichtungen für die Zukunft des deutschen Fußballs?
Sammer: "Enorm.  Die Schüler sollen die Möglichkeit erhalten, mehr am Training teilzunehmen, aber ohne die Schule zu vernachlässigen. Das ist uns wichtig. Es ist klar der Wunsch des DFB, dass die Schüler eine ganzheitliche Ausbildung erhalten. Es geht um die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Ich will die DDR nicht glorifizieren, aber das Konzept mit den Kinder- und Jugendsportschulen war gut. Ich habe durch den Fußball auch viele Schulstunden verpasst, aber für mich wurde grundsätzlich Einzelunterricht organisiert, damit ich mit einer Auswahlmannschaft trainieren konnte. Von der Weltklasse-Biathletin Magdalena Neuner habe ich gehört, wie sehr sie es bedauert, dass sie als Leistungssportlerin das Abitur nicht machen konnte. So etwas darf im Jahr 2008 einfach nicht passieren."

FuWo: Welche Eindrücke haben Sie an der Poelchau-Schule gesammelt?
Sammer: "Sehr positive. Was ich heute von der Schule gesehen habe, hat mich beeindruckt."

FuWo: Hertha ist der Kooperationspartner und bringt jede Menge U-Auswahlspieler heraus. Was sagen Sie zu Hertha?
Sammer: "Was Hertha im Nachwuchsbereich leistet, ist imponierend. Michael Preetz und Jugendkoordinator Frank Vogel haben hier eine Menge auf die Beine gestellt."

FuWo: Wie alt muss ein Spieler sein, um Bundesliga spielen zu können?
Sammer: "Man muss nicht warten, bis ein Talent 20 ist, sondern sollte es frühzeitig heranführen. Pele war mit 17 schon Weltmeister."

FuWo: Wo steht der deutsche Fußball im internationalen Vergleich?
Sammer: "Irgendwo im Mittelfeld, ganz vorn ist Spanien. Der DFB hat aber den Anspruch, Weltspitze zu sein. Und nachdem wir jahrelang der Musik hinterhergelaufen sind, tut sich jetzt was. Es wird aber noch ein paar Jahre dauern, bis wir die Ernte dafür einfahren." 

Aufgez. von B. Karkossa

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