DDR-Modell macht Schule ...  



Ausgabe Januar 2001

Ein DDR-Modell macht Schule

Berlin (sid) Ein Ost-Modell fasst nun auch im Westen Fuß. Die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) der ehemaligen DDR werden mit Beginn des Schuljahres 2001/2002 auch in den Westteil Berlins "exportiert". "Wir werden zwei Klassen mit jungen Athleten einrichten, die pro Woche zehn Stunden Sportunterricht haben, davon acht in ihrer jeweiligen Spezialdisziplin. Und abends wird in den Vereinen trainiert", erklärt Rüdiger Barney, Leiter der für das Modell vom Berliner Sensat ausgewählten Poelchau-Oberschule im Stadteil Charlottenburg, die zudem eine gymnasiale Oberstufe erhalten wird.

Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), nennt den nach langer Anlaufzeit getroffenen Beschluss des Senats ein "leuchtendes Beispiel". "Es wird Zeit, dass wir endlich auch im Westteil derartige Schulen bekommen", erklärte von Richthofen, der in der Analyse der Olympischen Spiele von Sydney in den vergangenen Wochen kein Blatt vor den Mund nahm. Bei der Heranbildung künftiger Olympioniken müsse sich der deutsche Sport generell auf die Elite-Einrichtungen nach DDR-Version besinnen, "natürlich ohne das alte propagandistische Beiwerk". Im Ostteil Berlins existieren noch drei Nachfahren des alten DDR-Modells mit insgesamt über 1.000 Schülern.
Ganz in diesem Sinne war man bei "Poelchaus" schon 1997 daran gegangen, den Sport im schulischen Alltag zu betonen. Im Kampf mit den Behörden und in Kooperation mit umliegenden Vereinen wurde im ersten Jahr 94 Jugendlichen ein erweitertes Sportangebot vorgestellt.
"Die Sportklassen waren eine Reaktion auf die veränderte Situation in unserem Umfeld, die Zahl der Schulpflichtigen hat in den letzten Jahren um 600 abgenommen", berichtet Barney und hofft mit seinem "Profil Sport" bundesweit auf Nachahmer. "Wenn eine Schule heute auf Dauer bestehen will, muss sie attraktiv sein. Sport ist unsere Chance."

Derzeit gehen über 300 der insgesamt 650 Schüler in den Klassen sieben bis zehn zum Training, bevor für sie die erste Unterrichtsstunde beginnt. Für eine Klasse pro Jahrgang soll das so bleiben, drei weitere Klassen werden als Regelklassen geführt. Die Sport-Klassen sind dem Leistungssportgedanken in den Disziplinen Leichtathletik, Hockey, Schwimmen, Wasserball, Rudern und Moderner Fünfkampf verbunden. "Allein die Klassenstärke von jeweils 25 Schülern ist ein Luxus", sagt Barney. "An wen die Plätze vergeben werden, entscheiden die Landesfachverbände und der Landessportbund, der auch viele Trainer bereitstellen wird." Entscheidender Unterschied zu den drei Eliteeinrichtungen im Osten, wo einst Schwimm-Weltrekordlerin Franziska van Almsick oder Bahn-Olympiasieger Robert Bartko die Schulbank drückten und 40 der insgesamt 59 Berliner Sydney-Starter ihre Karrieren vorbereiteten: Dem "Modell Poelchau" ist kein Internat angeschlossen. Das war bei der klassischen Variante unabdingbar, weil zu DDR-Zeiten die meisten Olympioniken in spe aus anderen Städten in die Zentren und zu den großen Klubs delegiert wurden.
"Wir brauchen kein Internat", sagt Barney. "Unsere Sportler kommen alle aus Berlin und die Eltern wollen, dass ihre Kinder zuhause schlafen."

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