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Dann also, los geht's, erste Flankenbälle, hoch in den
Strafraum, zwei junge Männer sprinten los, keine 19
Jahre alt, Direktabnahmen. Der erste Schuss: weit
drüber. Der zweite: Pfosten, immerhin. Ein Mann
mit Brille, kurzen Haaren, Trainingsanzug, 53 Jahre
alt, schüttelt den Kopf: "Das will ich aber technisch
besser sehen."
Ein Rasenplatz neben dem Charlottenburger
Mommsenstadion, es ist ein später trüber
Dienstagnachmittag, Trainingszeit der U-19-Fußballmannschaft von Tennis
Borussia. Der Rasen
liegt nur wenige Meter von jenem Platz entfernt, auf
dem Mitte der 90er-Jahre zwei der größten Talente,
die der Berliner Fußball je hervorbracht hat, erstmals
auffielen: die Boatengs, später bei Hertha BSC Profis.
Berlins bekannteste Halbbrüder fahren demnächst zur
Fußball-WM nach Südafrika. Der jüngere, Jérome, für
Deutschland, der ältere, Kevin-Prince, für Ghana. Am
23. Juni könnten beide in Johannesburg
aufeinandertreffen. Deutschland gegen Ghana. Dann
wird Markus Schatte, das ist der Mann mit der Brille,
interessiert vor dem Fernseher sitzen. Denn er hat
damals beide Brüder trainiert, dreimal wöchentlich am
Vormittag.
Schatte ist Trainer der U-19-Fußballmannschaft
von Tennis Borussia und Lehrer an der Poelchau-Schule, "Eliteschule des Fußballs",
Kooperationspartner von Hertha und Tennis Borussia. Kevin kam zuerst in seine schulische
Trainingsgruppe, in der siebten Klasse, "motorisch
unglaublich gut, mit hoher Lerngeschwindigkeit",
erinnert sich Schatte. "Der wäre auch in anderen
Sportarten gut gewesen. Aber er war verrückt nach
Fußball."
Ein unglaublicher Jahrgang fand sich da nach und
nach zusammen. Neben Kevin Boateng zum Beispiel
Ashkan Dejagah, Zafer Yelen, Sejad Salihovic. "Die
hattest du alle in einer Trainingsgruppe!", sagt
Schatte sichtlich begeistert. "Das kommt so schnell
nicht wieder." Alles spätere Profis, davon träumen
heute auch seine Jungs auf dem Rasen, die meisten
wohl vergeblich. Auch wenn Schattes A-Jugend von
TeBe von den letzten acht Jahren sechs in der
höchsten Spielklasse bestritt. Dieses Jahr sieht es
leider wieder nach Abstieg aus. |
"Als Amateurverein
kannst du mit den Bundesliga-Clubs nur schwer
mithalten", sagt Schatte. Neulich hat er aus Spaß in
der Schulpause mal auf einer Internetseite nach dem
Marktwert seiner heutigen U-19-Spieler geguckt.
Manche standen schon bei 50.000
Euro. Fast alle
haben einen Spielerberater. Keiner aber ist schon so
weit wie einst die Boatengs.In der deutschen Wahrnehmung heißt es
momentan gern: der gute Boateng, Jérome,
aufgewachsen in Wilmersdorf, zuletzt beim
Hamburger SV, ein lässig-schlacksiger Verteidiger.
Und der böse Boateng, Kevin, im Wedding groß
geworden, jetzt beim FC Portsmouth, ein stürmendes
Muskelpaket, der im englischen Cupfinale Michael
Ballack rüde aus Löws WM-Kader trat. Der Ghetto-Boy. Schatte winkt ab. "Bei mir war er ein normaler
Schüler", sagt er. "Kevin kam sogar mit einer
Gymnasialempfehlung zu uns." Jérome, der zwei
Jahre später dazu stieß, habe zwar nicht dieses Talent
gehabt, nicht ganz, aber seine Physis habe sich später
enorm verbessert. Als Hertha nach TeBe 2001 als
Kooperationspartner dazukamen, wechselten beide
zur Hertha-Gruppe. Weg von Schatte.
Der Coach hat das englische Cupfinale im
Fernsehen gesehen, Boatengs Foul auch, natürlich ein
übler Tritt, "aber ich fand das auch nicht schlimmer
als das von Ribery gegen Lyon." Richtig fassungslos
macht ihn aber, dass manche deshalb auch Jérome
nicht bei der WM sehen wollten: "Wo kommen wir
denn da hin? Sippenhaft?"
Seit zehn Jahren ist Schatte Lehrer an der Poelchau-Schule, Jugendtrainer bei TeBe mehr als
doppelt so lange, mit einem kurzen, mäßig
erbaulichen Intermezzo als Männertrainer von
Hertha 03 Zehlendorf. Sein Talentbegriff geht weit
über die reine Motorik hinaus. Willen sei wichtig,
eine professionelle Lebenseinstellung auch. Das war
gelegentlich vor allem Kevin Boatengs Problem. "Von heute auf morgen Millionär, damit muss man
erst mal umgehen können", sagt Schatte.
Am 23. Juni drückt Schatte natürlich Deutschland
die Daumen. Er sagt aber, wenn Kevin für Ghana ein
Tor mache, würde ihn das auch freuen. Es muss ja
nicht unbedingt das Siegtor sein. Erik Heier |