Zwischen Profis und Internet - Hertha Akademie ...


v. 4. Dezember 2001

Zwischen Profis und Internet

Jugendsport: Hertha BSC will mit Fußball-Akademie Talente in der Stadt halten

Von Robert Schreier

Berlin - Schlimmer hätte die Woche für die Fußball-A-Junioren von Hertha BSC eigentlich nicht verlaufen können. Erst die unglückliche 0:1-Niederlage in der Regionalliga Nordost gegen Hansa Rostock, bei der der Bundesliga-Nachwuchs gleich ein Dutzend Einschussmöglichkeiten ungenutzt ließ. Und dann kam auch noch das Viertelfinal-Aus im DFB-Junioren-Pokal gegen Schalke 04 (1:3). Immerhin blieben die B-Junioren dank des 4:1 gegen Verfolger Rostock Klassenprimus.
Pleitenwoche hin, Regionalliga-Spitze her - eines ist gewiss: die Jugendarbeit stimmt bei Hertha BSC. Seit dem Bundesliga-Aufstieg der Profis 1997 ging es auch mit den Nachwuchskickern mächtig berauf. Inzwischen gehören sie zu den besten der Region und seit Beginn dieser Saison trägt das Kind auch einen Namen: Hertha BSC Fußball-Akademie.
Die Philosophie des Projekts, das nach Besuchen in Europas besten Nachwuchsschulen entstand und mit Falko Götz, ehemals Fußball-Profi in Berlin, Leverkusen und Köln, einen Koordinator bekam, geht weit über ein ordinäres Fußballtraining hinaus. «Wir wollen Persönlichkeiten entwickeln», erklärt Götz das Ziel. Dazu gehört, dass sich die Talente auch abseits des Rasens entwickeln.
Charaktereigenschaften wie Ordnung und das Verhalten untereinander sind unverzichtbar in einem Mannschaftssport. Deshalb sind auch Fernseher und Computer in den Einzelzimmern des neu gegründeten Internats tabu. 14 der 18 Wohnräume werden derzeit von Talenten der A- und B-Junioren belegt. Die restlichen bleiben für Probespieler frei.
Internetcafés und Spielsalons sorgen für Entspannung in der wenig vorhandenen Freizeit. Die Jungs können nicht alles machen, was ihre gleichaltrigen Freunde unternehmen. Doch «im Verzicht liegt die Chance», so Götz.

Jeder Internat-Bewohner hat eine Patenschaft mit einem Spieler aus der Profi-Mannschaft. «Da trifft man sich ab und zu zum Kaffeetrinken», so Michael Preetz. Aber nur wenige halten den Kontakt so intensiv wie Andreas Neuendorf: «Zecke müssen wir schon mal rausschmeißen», berichtet Götz.
Durch die Lage auf dem Vereinsgelände laufen sich Profis und Nachwuchskicker des öfteren über den Weg. Ein Vorteil, der der Motivation im nicht immer leichten Alltag zuträgt.
Im dreimal wöchentlich stattfindenden Mannschaftstraining legen die Betreuer Wert auf Technik und Taktik. Hinzu kommt Balltraining, Aerobic für die Beweglichkeit, Karate für die Körperspannung und einiges mehr.
Um nicht nur die Übungseinheiten zu optimieren, sondern auch eine gute schulische Ausbildung zu schaffen, kooperiert der Verein mit der Poelchau-Oberschule. «Schule geht vor Fußball», erklärt Götz. Schließlich erfüllt sich bei den meisten nicht der Traum vom Fußballberuf. So kommt es schon mal vor, dass einem Jugendlichen wegen schwacher schulischer Leistungen ein Trainingsverbot auferlegt wird.
Hertha BSC versteht sich als Ausbilder der Region. So bleibt das Internat den wenigen auswärtigen Talenten vorbehalten. A-Junioren-Trainer Michael Wolf: «Mein persönlicher Anspruch besteht darin, Berliner Fußballern die Tür zum Leistungssport zu öffnen.» Die Herthaner wollen mit ihrer Akademie die Basis dafür schaffen, diese hochtalentierten Kicker in der Stadt und dem Verein zu halten. Und nicht wie in den Jahrzehnten zuvor mitansehen müssen, dass Talente aus der Hauptstadt wie Thomas Häßler, Christian Ziege sowie Niko und Robert Kovac in der Ferne ihr Glück suchten und fanden.

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